Normalerweise beantworte ich die unerwünschten Telefonumfragen schon deswegen nicht, weil sie mich zu Unzeiten erreichen. Sei es am Frühstückstisch, sei es in der Badewanne, sei es, daß die Sekretärin nicht abnimmt, weil sie anderweitig beansprucht ist, sei es, weil ich gerade nachdenken muß. Am schlimmsten ist es, wenn ich auf einer anderen Leitung spreche und mich dann ein zweiter Anruf erreicht: „Hallo, guten Tag, hier die Millionärssendung von Günther Schlauch. Wollen Sie bei uns mitspielen?“ Und bevor ich noch in den ersten Hörer um Geduld bitten kann, überschüttet mich der Animateur auf Leitung 2 mit unsinnigen Fragen, an die ich bis dahin überhaupt nicht gedacht hatte.

25. Januar 2010 | Dachbodenfund | Kommentare: (0)

Angelehnt an den letzten Beitrag, geht es mit einer scheinbar antiquierten Methode der Kommunikation weiter.

Briefe sind eigentlich etwas tolles. Ich freue mich immer sehr, wenn ich einen Brief erhalte. Ein langer ausführlicher Brief wird nicht nur einmal gelesen. Als erstes überfliegt man ihn. Dann legt man sich ihn auf den Schreibtisch um ihn in Ruhe später genau zu studieren. Man heftet ihn ab und holt ihn bei der Beantwortung wieder hervor. Je nach Inhalt kann man einen Brief auch nach Wochen noch ein drittes oder viertes Mal lesen.
Ein Brief ist sehr viel ausführlicher und persönlicher als eine E-Mail oder ein Anruf. Man reflektiert die letzten Tagen und Wochen. Die Gedanken macht man sich vorher und schreibt sie dann erst nieder. Bei der Formulierung gibt man sich größte Mühe den zu beschreibenden Gedanken ausführlich auszuschmücken. Auf einen Brief antwortet man auch nicht sofort, nicht mal eben zwischen Tür und Angel. Man nimmt sich Zeit und steckt doch viel Mühe hinein.
Ein Brief ist rundum etwas tolles.

19. Januar 2010 | Gedanken | Kommentare: (5)

Als ich gestern Nacht mit dem Bus nach Hause gefahren bin, bin ich mal wieder meiner Lieblingsbeschäftigung an solchen Orten nachgegangen: Leute beobachten.
Zuerst war mein Augenmerk auf einen Mann gerichtet, der sich pausenlos fragte, was er bloß falsch gemacht hätte. Er schüttelte immerzu den Kopf, bis er irgendwann friedlich einschlief. Ich habe über den Mann nicht länger nachdenken können, obwohl ich mich gerade wieder frage, was er wohl so falsch gemacht hat, weil sich zwei Jugendliche gegenüber platzierten.
Das Alter kann man kaum bestimmen. Auch so ein Phänomen. Die Jugendlichen sehen alle irgendwie gleich aus. Eben so Jugendalter.
Es war sichtlich erkennbar, dass sie sich näher standen, weil sie brav Händchen hielten. Ich bin von Freund und Freundin ausgegangen.
Die Fahrt dauerte circa 15 Minuten. Vorweg: Der Mann vom Anfang hat mehr zu sagen gehabt als diese beiden.
Kein Wort. Kaum Platz genommen, fummelten sie sich ihre Lautsprecher in die Ohren und hörten Musik. So hörte ich eine Ballade gemischt mit lauter Rock-Musik.
Ab und zu blickte ich in die apathischen Gesichter der jungen Menschen und fragte mich: Sprechen die eigentlich gar nicht mehr miteinander?
Denn selbiges Phänomen stellt man auch in der Fußgängerzone fest. Da gehen drei Mädchen nebeneinander shoppen und hören alle unterschiedliche Musik. Sind Gespräche irgendwie out?

16. Januar 2010 | Gedankensplitter | Kommentare: (3)

Luxus heißt Verschwendung. Luxus überschreitet das Maß des normalen Aufwandes für Bedürfnisse. Dabei ist der Maßstab relativ. Was dem einen Menschen normale Befriedigung ist, wird ein anderer als Luxus ansehen. Standard ist mehrheitlich sinnvoll erachtetes Maß. Luxus wäre demnach etwas, was erstrebenswert erachtet wird, aber im Tauschwert erheblich ist. Kurz: Luxus ist teuer, zu teuer für die Masse.
Deshalb gibt es keinen Luxus für alle, sondern nur für wenige, die durch Macht und Reichtum so gestellt sind, daß ihnen der Luxus gar nicht als Verschwendung auffällt.

Einfach ist materieller Luxus zu beschreiben: Haus, Auto, Boot, Jet, Kleidung, Schmuck, Uhren, Kaviar und Bergquellwasser – edel, selten, teuer. Kurzum: Statussymbole, die zeigen, daß jemand erfolgreich ist. Mit Bedenken füge ich dieser Sammlung auch Frau und Tier hinzu, aber auch da soll es Preise geben.

In geschichtlicher Hinsicht zeigt sich, daß die Auffassung sehr zeitgeprägt ist, was man unter Luxus zu verstehen hat. Eine Handschrift mit kostbaren Miniaturen, eine handgeschriebene Bibel, ein Wiegedruck – das waren Luxusgüter zu einer Zeit, als kaum jemand ein Buch besitzen konnte. Auto und Telephon waren vor noch nicht allzu langer Zeit Luxusgüter, wenn sie nicht Geschäftszwecken gedient haben. Wasser steht in den Industrienationen jedem Haushalt heute zur Verfügung. Ein Burgherr hatte in früheren Zeiten seine liebe Last, Trinkwasser in ausreichender Menge zu haben, wenn seine Burg hoch auf dem Berg war.

Kommen wir zum letzten Gedanken. Gibt es immateriellen Luxus? Gibt es verschwenderische Gedanken? So ein Unfug, wird man denken, denn Gedanken sind doch kein käuflich zu erwerbendes Gut. Da bin ich mir aber gar nicht so sicher. Wird nicht viel Geld für Gedankenlieferanten gezahlt? Spindoktoren oder Braintrusts nennt man so etwas im besten Brabbeldeutsch. Da werden Leute für ihre Gedanken bezahlt. Und gute Ideen kosten viel Geld. Und die besten Ideen sind fast unbezahlbar. Tatsächlich scheinen tolle Ideen ein wahrer Luxus zu sein. Kaum jemand kann sich dieses Luxus leisten.

Und wenn nun jemand seine Ideen einfach verschwenderisch verschenkt? Nein, so etwas kann man sich gar nicht ausdenken.

13. Januar 2010 | Dachbodenfund | Kommentare: (1)

Mitten in der Nacht („Nacht muß es sein, daß meine Sterne glänzen.“) fiel mir ein, wie ich zwei Forschungsfreisemester nutzen kann. Eng umgrenzt mit lokalem Bezug (Drittmittelzufluß durch lokale Sponsoren) soll das Sonderforschungsgebiet sein, interdisziplinär muß es unbedingt sein. Die Namensfindung muß bereits Medientauglichkeit beweisen, denn was nützt die Elfenbeintürmerei, wenn kein Hahn nach ihr kräht. So fiel mir ein –mal salopp in die akademische Kladde -, daß der Humor in Westfalen ein weites Feld ist. Über den Modulaufbau kann der Fachbereich nachdenken. Zunächst einmal noch deutlich unsortiert die möglichen Akzente von der Vorlesung bis zum Habilitandenkolloquium, vom Seminar bis zum Doktorandenprivatissimum thematisiert.

Der trockene Humor der Westfalen – rhetorisches Mittel oder Contradictio in adiecto?
Humor und Entmündigung – Gisbert Freiherr von Romberg als forensisches Problem
Voltaires Candide – dekonstruktivistische Utopie?
Das Täuferreich – Bernhard Knipperdollincks Erschaffung des Paradieses
Landois und der Affe Lehmann – zur Korrelation von Witz und Alkoholhepatitis
Heinrich Heines sentimentale Eichen – Verwurzelung im Prämodernismus
Peter Hille und Prometheus – vom Kaukasus in die Baumberge
Taugenichts im Pfaffenland – Marschall Blüchers militärische Lage
Das Feststehende bei Droste-Hülshoff – vom vierfachen Schriftsinn
Widukind oder Armin – vorkapitalistische Rebellen gegen Fremdherrscher
Königreich Westfalen – Napoleon und der Tilsiter Käse

Anfänge sind gemacht. Prolegomena zu einer jeden zukünftigen Humortheorie, die als westfälische Wissenschaft wird auftreten können. Weitere Themen und Geistesblitze ohne jede Scheu bitte an mich unverzüglich schreiben. Referate, Semester- und Hausarbeitenthemen können ab sofort mit mir vereinbart werden.

10. Januar 2010 | Dachbodenfund | Kommentare: (0)

Auf den Dachboden zu gehen ist immer wieder toll. Allein die kleine Eingangstür verrät, dass man sich in einem völlig anderen Teil des Hauses befindet. Fast in einer anderen Welt.
All die schönen Dinge, die man als kleines Kind so lieb gewonnen hat, kann man sich in einer ruhigen Minute zu Gemüte führen.
Da ist das Spieltelefon, auf dem man nur und ausschließlich seine Eltern erreichen konnte, die alten Hefte aus der Grundschule, oder das antike Zelt in dem man viele schöne Momente verbracht hat.
Manchmal kommt bei solchen Streifzügen durch die Vergangenheit auch etwas sehr nützliches, noch nie zuvor gesehenes zutage.
Für mich war der letzte Besuch sensationell. Da finde ich doch ein altes Notizbuch und vollgekritzelte Zettel eines Unbekannten. Sicherlich muss es sich um einen Vorfahren von mir handeln, weil es sich ja auf meinem Dachboden befindet. Aber den Schriftsteller dieser Stücke kenne ich leider nicht.
Vieles ist schwer zu entziffern, weil er eine eigentümliche Typographie hatte. Doch werde ich versuchen alles zu entschlüsseln.
Einige habe ich schon fertig und ich muss sagen, dass sie wirklich schön zu lesen sind und deshalb werde ich sie hier veröffentlichen.
Diese Schriftstücke werden dann als solche auch zu erkennen sein. Also seid gespannt.

8. Januar 2010 | Dachbodenfund | Kommentare: (4)

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die den Tag schöner werden lassen. Manchmal findet man fünf Euro auf der Straße. Ein anderes Mal bekommt man nach dem Tanken noch einen Gutschein für einen Hamburger. Ab und zu steckt die Bäckereifachfrau einem kostenlos ein Brötchen zu. Oder man macht einfach irgendwo ein Schnäppchen.
Dann gibt es auch noch so Momente, da erhält man nichts. Keinen Gegenstand, Gutschein oder Geld. Da passiert einfach etwas, was einen glücklich stimmt.

“Im Winter sieht eine Meise auch mal locker aus wie ‘ne Taube.”
Aber was sollen sie machen. Es gibt einfach an jeder Ecke einen Schnellimbiss.

Ich habe das Wetter heute genutzt um einen kleinen Spaziergang zu machen. Dabei sind mir ein paar Dinge vor die Linse gekommen. Dass ich kein begnadeter Photograph bin, sieht man deutlich. Aber es macht Spaß.

Schneeschleier

4. Januar 2010 | Benedikt | Kommentare: (5)

Einfach einmal etwas schreiben, was belanglos, was vielleicht nutzlos, was nicht mitteilenswert ist. – Wer kennt nicht die Situation, das weiße Papier anzustarren und überhaupt keine Idee zu haben. Schüler erschrecken davor in einer Testaufgabe, Außendienstmitarbeiter finden keine zündende Idee für den Vierteljahresbericht, der Kreativarbeiter trinkt ein Wässerchen in der geistigen Dürre, der Zeitungsschreiber möchte an seinem Kommentar feilen, von dem noch kein Wort geschrieben ist.
Und dann rücken die Zeiger auf der Uhr weiter, in der Nachbarschaft wird schon fleißig etwas zu Papier gebracht, das letzte Wasser ist ausgetrunken, der Abgabetermin kommt immer näher. Die Gedankenleere erzeugt wortlose Nervosität, die sich individuell bis zur Panik steigert oder in stumpfe Starre umschlägt.
Manchmal ist der einzige Ausweg, die Finger auf die Tastatur zu legen und sie einfach ein paar Buchstaben schreiben zu lassen. Oft produzieren sie dann etwas völlig ohne Belang. Und das sieht jeder Leser den Schülerklausuren, den Außendienstberichten, den Werbesprüchen, Zeitungen und Internetbeiträgen — oft gar nicht an.

4. Januar 2010 | Gedanken | Kommentare: (1)