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Nachdem ich endlich fertig gebracht hatte das Pflichtprogramm zu absolvieren und Papa und Mama sagen konnte, wurde es Zeit sich den wichtigen Dingen des Lebens zuzuwenden. In meinem reichhaltigen Wortschatz war das Wort Bobob wohl das dritte erlernte. Ganz richtig ausgesprochen war es nicht, aber ich wusste, dass meine Eltern mich verstehen würden. Als gewitztes Kerlchen hatte ich es schnell raus, dass man danach süße Leckereien in den Mund gestopft bekam.
Als jüngstes Mitglied in der Familie hat man es etwas leichter seinen Willen zu bekommen. Und dieser bestand nun einmal aus Süßigkeiten.
Vor der Grundschule übernahmen meine Eltern die Grundversorgung.
Zur Fastenzeit erhielt man ein großes Marmeladenglas, wo man seine Bonbons aufbewahren sollte. Dieses füllte sich leider bei mir nicht so beständig, wie bei meinen Geschwistern.

Als endlich die Grundschulzeit kam und damit das erste Taschengeld, konnte ich selbst für den Bedarf sorgen. Erstes Schuljahr, also eine D-Mark. Unweit unserer Schule war ein kleiner Eckladen. Der Laden der Bonbonfrau.
Es herrschte dort keine besonders gemütliche Atmosphäre. Die dickere ältere Dame saß hinter einer langen Glastheke, in der die Bonbons lagen. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt eine Lichtquelle gab, außer den Fenstern und Glastüren. Um die Ecke stand im Sommer auch noch eine kleine Eistruhe mit Wassereis. Für das Porzellan interessierte ich mich nie und habe nach größter Anstrengung erst herausbekommen, dass es dort überhaupt etwas anderes zu kaufen gab. Schließlich wollte ich ja auch nur die Bonbons (in der Zwischenzeit hatte ich meinen kleinen sprachlichen Mangel korrigiert).
Sie hatte immer einen Hausfrauenkittel an, in dessen Tasche stets griffbereit eine Nagelschere lag.
Ihre Ohren machten ihr anscheinend sehr zu schaffen, denn sie fummelte sich ständig mit ihren Fingern darin herum. Hauptsächlich war es wohl der kleine Finger. Dies schien ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein. Im Sommer schlug es um. Da waren ihr die Fußnägel sehr viel wichtiger.

Nach der Schule fiel immer eine Horde kleiner I-Männchen in ihren beschaulichen Laden, um das karge Taschengeld sofort wieder auf den Kopf zu hauen. Ein Gedränge herrschte da, unvorstellbar. Keiner der zwanzig Kinder kam auch nur ansatzweise auf die Idee seinen Schulranzen abzunehmen und dies bei ca. 20 qm² Fläche.
Da der kleine Benedikt der Mathematik damals schon sehr mächtig war, wusste er, dass er jeden Tag 20 Pfennig für Bonbons zur Verfügung hatte. Mit diesem Gedanken trat man in den Laden ein.
Lakritzschuhe oder die süße Variante waren bei allen Kindern der Renner. Der Vorteil war nämlich, dass diese nur zwei Pfennig kosteten. Auch Schnüre, Taler und Gummilollis fanden dankbare abnehmer.
Die Kinder sehend, löste sich die Bonbonfrau von ihren beiden Beschäftigungen und grabbelte alle Bonbons an und stopfte sie nach Verlangen in eine kleine Tüte. Selbstbedienung war nicht gestattet.
Vielleicht könnte man sagen, dass dies etwas widerlich gewesen sei, doch wollte die Gute nur unser Bestes. Denn durch diese bestimmte Zutat bekam jedes Bonbon eine persönliche Note und die richtige Würze. Das war die Abhärtung im Winter.

Im Sommer verlief es etwas anders. Aufgrund der vorherrschenden warmen Temperatur hatte man gesteigerte Lust auf ein Wassereis „zu zehn Pfennig“.
Also lief man schnurstracks zum Eisfach, um sich ein grünes Wassereis zu gönnen. Die liebe Bonbonfrau war nicht mehr gut zu Fuß und hatte sowieso das Schneiden ihrer Nägel im Sinn.
Da Service ein ganz großes Thema in dem Laden war, wurde man freundlich gefragt, ob denn das Eis auch schon aufgeschnitten werden sollte. Sicherlich sollte es das, man wollte es ja schließlich direkt verzehren.
Der Nachteil bestand darin, dass es anscheinend in dem Laden nur eben diese Nagelschere gab. Diese ein wenig abgewischt, wurde dann das Eis aufgeschnitten. Das war die Abhärtung im Sommer.

Leider hat der wunderschöne Laden mit dem außergewöhnlichen Charme schon lange geschlossen. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob ich seitdem öfter krank gewesen bin. Ich fürchte es aber. Getestet wurden später moderne Läden, die Center-Shocks und andere neuartige Bonbonformate bereit hielten. Allerdings schmeckte kein Bobob so, wie es schmecken sollte.
Seitdem habe ich mir äußerst selten eine eigene Bonbonskreation zusammengestellt.

Das besondere Aroma der Süßigkeiten der Bonbonfrau fehlt mir bis heute.

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21. November 2010 | Gedanken

Ein Kommentar wurde geschrieben

  1. Arven (Michaela) sagt:

    Wunderschön…erinnert mich an meine Kindheit.
    Einfach nur toll! – Danke!

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