BILDBlog – und weiter?

3. Oktober 2007

Bild als Titel, rote Farbe, Strichmännchen mit Schwafelschwafel, Rausschmiß der Frakturüberschriften, Zusammenfassungen für den Lesekindergarten, viel leerer Raum zwischen dem Text, Eigenlob einer Erscheinungsbildänderung, Linksbündigkeit, Kultusminister-ss, Herausgeberlob auf das Augenschmeichlerische, Anpassung an die Wünsche aus einer (angeblichen) Leserbefragung; kurzum: Die FAZ ist beim Zeitgeist angekommen, wie es die Propagandisten von Donald Duck als Chefherausgeber der FAZ schon lange gefordert hatten. Hurra, der Sieg von Entenhausen ist da! Seit einigen Wochen und Monaten zermartere ich mir mein Hirn über das BILDBlog. Dieses Weblog ist von Stefan Niggemeier ins Leben und Internet gerufen worden, um “kritische Notizen über eine große deutsche Boulevardzeitung” für die Leser bereit zu stellen.

Und das Konzept hat durchschlagenden Erfolg in allen Bereichen. Kaum einer hat dieses Weblog nicht in der Blogroll verlinkt und hat sich nicht positiv zu dem jüngsten TV-Werbespot geäußert. Muss auch so sein, angesichts der Tatsache, dass man hier von einem Preisträge des Grimme-Online-Awards spricht.

Mir stellt sich jedoch immer wieder die Frage, wieso man dieses Weblog wirklich intensiv verfolgen und lesen sollte.

Man kann grundsätzlich von zwei Parteien ausgehen. Einmal die begeisterten BILDLeser wovon es ca. 11,5 Mio. weltweit gibt und diejenigen, die die BILD aus verschiedenen Gründen nicht so gut finden und eine andere Tageszeitung bevorzugen.

Nun stellt man sich doch die Frage zu welcher Gruppe die Leser des BILDBlogs gehören. BILDLieber, oder BILDHasser? Wenn man sich über die Fehler der anderen freut und gerne liest, dass sich diese erfolgreiche Zeitung mal wieder einen Lapsus erlaubt hat liest man den BILDBlog, ohne jedoch den eigentlichen Artikel gelesen zu haben, weil man als Bblog Leser weiß, dass die BILD täglich Fehler macht.

Wenn man morgens die BILD liest und sich an den unglaublichen Geschehnissen erfreut, die diese Zeitung wieder ans Tageslicht gebracht hat, dann will man bestimmt nicht abends lesen, dass es doch alles falsch wahr und die Wahrheit ganz anders aussah.

In diesem gedanklichen Dilemma befindet sich nun jeder, der verstehen will, warum der BILDBlog so gerne gelesen wird und so erfolgreich damit ist, irgendwelche Lappalien aufzudecken. Denn es ist ja im Allgemeinen bekannt, dass diese große Zeitung öfter mal einen Fehler macht.

Der Gedanke zu zeigen, dass die BILD Fehler macht, ist ja eigentlich nicht verkehrt, doch wenn ich drei Korrekturen auf dem BILDBlog gelesen habe, bin ich zufrieden und kann mich in meiner Meinung bestätigt sehen. Also warum jeden Tag wieder Fehler aufdecken? Warum meine volle Arbeitskraft in ein Projekt stecken, dass sich eigentlich täglich wiederholt?

Man könnte rufen: “Weil es Spaß macht!”. Darauf frage ich mich aber wieder: “Wie kann einem das Lesen einer Zeitung Spaß bereiten, obwohl man diese Zeitung am liebsten verbannen würde?”. Oder ist es einfach ein Job, eine Arbeit die man täglich macht?



Ich kann es nicht verstehen und will auch keine Erklärungen finden, sondern einfach meine Gedanken in den Raum stellen. Warum soll man den BILDBlog lesen?

Wieso interessieren sich so viele Menschen dafür?

Der Werbespot war nicht sonderlich berauschend, dennoch kommt von allen Seiten Aufschreie der Freude und des Lobs. Was interessiert mich denn, ob dieser Mann mit einer oder mit 100 Sekretärinnen auf der Tagung geschlafen hat, oder ob die Brosche der Frau nun gefällt oder nicht.

“Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht” heißt es am Ende des Spots. Die Wahrheit, ob die BILD sich in einer Meldung, um ein paar Tage vertan hat, ist mir aber im Grunde völlig egal.

Ich lese die BILD nicht, weil ich meine Informationen lieber aus der FAZ entnehme, dann ist es mir doch auch ganz egal, wenn sich die Zeitung wieder einmal vertan hat.

Genau das will mir einfach nicht in den Kopf.

Am 25. Oktober liest Frau Roche BILDBlog. Wow, wieder Begeisterungsstürme und Verzweiflung bei denen, die keine Karte bekommen haben.

Kommt doch auf unseren Marktplatz, dann verkünde ich die Fehler, die unser Käseblatt mir jeden morgen auf den Frühstückstisch knallt. Ob das jemanden interessiert? Ich glaube nicht.

Also wieso dann den BILDBlog lesen. Weil BILD so viele Leser hat und man sogar einen BILD Leser kennt, den man dann auslachen kann. Oder weil man morgens zu seinen Arbeitskollegen gehen kann und nicht über das gestrige Fußballspiel redet, sondern über den letzten Riesenschnitzer, den sich BILD geleistet hat?

Sensationsgier? Traschtgelüste? Besserwisser? Aus welchen Antrieb liest man nun den BILDBlog? Mit welchem Motiv kann man einen solchen Blog so lange betreiben?

Oder verhält es sich wie mit so vielen Dingen im Internet? 10 Blogger haben irgendwann einmal darauf hingewiesen und man liest den Blog aus Gruppenzwang? In Wirklichkeit jedoch klickt man die Beiträge im Feedreader einfach nur weg.

Man will einfach dort sein, wo das Medieninteresse auch ist, sonst ist man ja von gestern. “Und ich lese Blog, ich bin nicht von gestern!”

Vielleicht versteht mich ja irgendein Leser. Vielleicht kann mir ein BILDBlog Leser ja helfen und die Augen öffnen. Vielleicht überzeugt mich Herr Niggemeier selbst, ein begeisterter Bblog Leser zu werden.

Was auch kommen mag, ich bin gespannt, ob ich irgendwann einmal hinter das Geheimnis dieses Blogs und seiner Fangemeinde kommen werde.Platthausen beherrscht die Welt.

Und es sage niemand, daß es sich nicht um den Untergang des Abendlandes handele. So ein paar niedliche Äußerlichkeiten werden doch nur neue Käuferschichten aktivieren, die sich in Zukunft die gedruckte Ausgabe kaufen werden und sich nicht mehr mit ihrem gewohnten Sekundenblick in der virtuellen Netzwelt begnügen werden. Daß ich nicht lache. Schon längere Zeit kann auch inhaltlich in der FAZ nur noch der Niedergang beobachtet werden. Die FAZ hat ihre Funktion als Sprachpflegerin schon lange aufgegeben. Nicht nur die Flut von englisch-denglischen Ausdrücken, vom modischen Globalesisch befremdet, nein, es finden sich mehr und mehr absolut unverständliche Sätze wie:

“Und so wurde ausgerechnet Oliver Pocher zu einem Helden des Abends. In einen Stand-up legte er den Finger in offene Wunden.” (Stefan Niggemeier, 30.9.07, in einem Artikel über einen Fernsehpreis mit der Ãœberschrift: “Bitte Mutter, hau’ auf die Glocke!”) Schlimmer geht es nimmer. Oder doch?


14 Kommentare zu ‘BILDBlog – und weiter?’

  1. rob sagte am 3. Oktober 2007 um 19:13 Uhr:

    Das BILD-Blog ist nicht in meiner Blogrolle – damit ist eigentlich schon alles gesagt. Sicherlich: Ab und zu flüchtet sich ein Schmunzeln auch in mein Gesicht, wenn ich lesen muss, wie journalistisch in dieser “Zeitung” herumgepfuscht wird. Da lache ich doch lieber über einige Entgleisungen, die in den richtigen Tagesblättern stehen – und die finde ich auch ohne Blog…

  2. RaymaN sagte am 3. Oktober 2007 um 21:37 Uhr:

    Watt? Die Tickets sind schon alle weg? verdammt!

  3. stefan niggemeier sagte am 4. Oktober 2007 um 01:17 Uhr:

    nö, sind noch reichlich tickets da. der satz oben “Verzweiflung bei denen, die keine Karte bekommen haben” ist deshalb besonders absurd.

  4. juliaL49 sagte am 4. Oktober 2007 um 10:50 Uhr:

    Auch ich lese weder den Blog noch die Zeitung und stelle mir genau dieselben Fragen wie du.

    Der Spot war nett, aber mir erschließt nicht ganz der Sinn.

    Es ist wohl wirklich sowas wie Gruppenzwang. Aber aus genau dem Grund lese ich (und verlinke) ich nicht. So!

  5. Daniel W. sagte am 4. Oktober 2007 um 13:44 Uhr:

    Ich lese BILDblog, weil es jeden tag auf Neue und immer wieder interessant aufzeigt, wie BILD als führendes Massenmedium die öffentliche Meinung versuch zu manipulieren. Leider auch oft mit Erfolg.

  6. horst paschulke sagte am 4. Oktober 2007 um 14:29 Uhr:

    au mann, das sind sorgen

  7. PatJe sagte am 4. Oktober 2007 um 15:46 Uhr:

    Also ich lese auch seltenst im BildBlog. Habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wieso die Seite mich zwar auch zum Schmunzeln bringt, aber kein regelmässiges Interesse weckt, von daher Danke für den Denkanschub ;)

  8. Rick sagte am 4. Oktober 2007 um 18:21 Uhr:

    Ich will mir kein qualitatives Urteil über BILD & BildBlog anmaßen, aber es ist eine alte Weisheit dass dort wo der schönste Kuhfladen dort auch die meisten Fliegen.

    Ob nun Paris Hilton, Frau Spears, Madeleine, politische Rattenfänger, skandalöse Showsternchen – Mehrheiten liefern selten einen Hinweis auf Fragen des guten Geschmacks sondern stets die Antwort auf Beliebtheit und Neugier.

    Dem Bildblog muss man die Arbeit die dahinter stand respektieren eine solche Reichweite zu generieren, und davon abziehen dass dieselbe Reichweite mit einer kritischen Auseinandersetzung zu KUNSTRASEN Heute wohl eher nicht so gelungen wäre….

  9. ix sagte am 4. Oktober 2007 um 20:25 Uhr:

    du hast das wort „begeisterungsstürme“ mit meinem hinweis auf die lesung verlinkt. ich frage mich ganz ehrlich wo du in einer simplen auflistung von rahmendaten begeisterung herausgelesen hast.

    klar freu ich mich auf die lesung und darauf charlotte roche im besten falle auch mal berühren zu können. aber wo steht das in meinem text?

    die frage die du stellst, warum man bildblog lesen solle und wieso sich dafür menschen interessieren ist übrigens erweiterbar. warum lesen menschen die medienseite in zeitungen? warum gehen menschen in die schule? warum kaufen menschen stühle wenn man auch auf dem boden sitzen kann? warum interessieren sich menschen für wer wird millionär? warum spielen menschen fangen? warum gucken sich menschen filme an und schreiben darüber? wer interessiert sich für kinokritik, buchkritik?

  10. N.N. sagte am 4. Oktober 2007 um 21:01 Uhr:

    Rhetorik ist nicht nur kompliziert zu schreiben, sondern noch schwerer zu beherrschen.

    Die Erweiterung einer Frage ist eine interessante Stilfigur. Mit ihrer Hilfe kann man nicht nur einer präzisen Antowrt ausweichen, sondern einen völlig neuen Gesichtspunkt zu Sprache bringen, der einem lieber ist als die Antwort auf die Ausgangsfrage. Von Bildkritik zur Bilderkritik.

    Ein anderes Stilmittel ist die Wiederholung. Zum Beispiel: Ein X, noch ein X und ein weiteres X. Da kann wahrhaftig von Xfacher Begeisterung gesprochen werden.

    So kann dann auch leicht durch Ãœbersteigerung der Weg zur Ironie eingeschlagen werden.

    Aber bekanntlich ist die Kunst der Rhetorik fast vergessen.

  11. lars horn sagte am 4. Oktober 2007 um 21:18 Uhr:

    Watt? BILDblog lesen aus “Gruppenzwang”? Wie kommt man denn auf so eine Idee?

    Und: es geht bei dem Ganzen doch nicht darum, arme BILD-Redakteure wegen harmloser Flüchtigkeitsfehler (”Lappalien”) auszulachen… wer BILDblog aufmerksam liest, findet immer wieder Beispiele, wie BILD gezielt Tatsachen verdreht, einzelne Personen auf Bildern nicht oder nur unzureichend anonymisiert, usw. – wer einmal vor 5 Millionen BILD-Lesern durch den Kakao gezogen wurde, dürfte ‘ne Weile brauchen, bis er wieder ohne Probleme durchs Leben geht.

    also: ganz so lächerlich ist die Arbeit der BILDblogger wirklich nicht…

  12. N.N. sagte am 4. Oktober 2007 um 21:49 Uhr:

    Da scheint aber eine Gruppe von Zeitgeistlern heftig getroffen zu sein. Selbstverständlich kann das Lesen eines Blogs zu zwanghaftem Tun werden. Selbstverständlich kann sich ein Wohlgefühl einstellen, Mitglied einer großen Bloglesergruppe zu sein.

    Eine köstliche Perle ist die”Arbeit der BILDblogger”.

  13. lars horn sagte am 4. Oktober 2007 um 22:01 Uhr:

    auja, gerade jetzt merk’ ich’s… ich fühl mich plötzlich so richtig wohl, dass ich hier mitlesen (und sogar schreiben) darf…

    … ach wie schön ist gruppenzwang, lalala… zeitgeist, zeitgeist…

  14. BILD findet’s skandalös: “Für die ARD steht Heino mit einem Bein im Grab!” : mediareloaded sagte am 6. Oktober 2007 um 22:05 Uhr:

    […] Ausnahmsweise etwas weiter ausgeholt: Blogger Schweizer Glücksspielexperten fragt sich in seinem Blog gleichen Namens, warum man überhaupt BILDblog lesen sollte und warum das so viele Menschen tun – schließlich passiere dort doch nicht viel mehr, als das ein paar Lappalien aufgedeckt werden. Seine Erklärungsvorschläge: “10 Blogger haben irgendwann einmal darauf hingewiesen und man liest den Blog aus Gruppenzwang?” oder “Weil BILD so viele Leser hat und man sogar einen BILD-Leser kennt, den man dann auslachen kann.” […]

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