Benedikt Benninghaus

Das Geheimnis der Kirche in Typologie des Alten Testaments

Das Alte Testament hat für die Kirche, die von Jesus Christus eingesetzt wurde, eine wichtige Bedeutung. Das Alte und Neue Testament sind keine zwei voneinander unabhängigen Bücher, sondern vereint in der Heiligen Schrift. Durch die Typologie, die Auslegungstradition der hl. Schrift im frühen Christentum, des AT bei den Kirchenvätern wurde verdeutlicht, dass Jesus Christus wirklich das vollendet hat, was den Israeliten verheißen wurde.
Die Auslegung der Schrift und die Beziehung von Altem und Neuem Testament bei den Kirchenvätern ist in der Tradition der Katholischen Kirche maßgeblich.
Die besondere Kenntnis der Schrift – oftmals kannten die Kirchenväter die meisten Texte auswendig – und den zeitnahen Bezug zu den Aposteln macht das Verständnis der Heiligen Schrift für die heutige Zeit einfacher.

Bei dem Thema Bundeszelt und Tempel und der damit verbundenen Präsenz Gottes an einem Ort, zeigt sich die wichtige und grundlegende Auslegung der Kirchenväter.
Gleichermaßen erklären die Lehrer, dass durch Jesus Christus die Verheißung des AT erfüllt worden ist.
Das Bundeszelt ist eines der vier wichtigsten Zeichen im AT.
Nach dem Sündenfall, der Rettung in der Arche Noah und der Befreiung aus der Sklaverei, ist Gott durch diesen besonderen Ort, dem Wanderheiligtum, dauerhaft bei seinem Volk gegenwärtig.
In Exodus 25-31; 35-40 beschreibt Gott Mose eine genaue „Bauanleitung“ für das Zelt, nachdem Mose die 10 Gebote auf den Tafeln empfangen hat.
Das Bundeszelt oder auch Stiftshütte /-zelt genannt, wird als Zelt der Zusammenkunft von Gott mit den Menschen beschrieben. Die nötigen Materialien wurden von dem Volk Israels gestiftet. Für die Israeliten war das Zelt Glaubensmittelpunkt, denn es steht für die Realpräsenz Gottes unter ihnen. Denn Gott war es, der Mose den Auftrag zum Bau gegeben hat.
Nach der Eroberung Kanaans wurde das „Wanderheiligtum“ dauerhaft in Silo aufgestellt. Nach dem Angriff der Philister kam es über Nob nach Gabaan. Bei dem Angriff der Philister wurde Silo zerstört und die Bundeslade von den Philistern geraubt. David brachte sie später nach Zion.
Wie auch das Bundeszelt wurde der Salomonische Tempel in das Allerheiligste und das Heiligste unterteilt.
Der Kirchenvater Origenes entwickelte zur richtigen Erklärung der Heiligen Schrift einen mehrfachen, oder dreifachen Schriftsinn. Er gilt als Vorstufe der biblischen Exegese. Um die Methoden der Kirchenväter bei der Auslegung der Texte zu verstehen, ist es hilfreich sich diesen Schriftsinn zu verdeutlichen.
Die Texte der Schrift werden hiernach in drei Teile unterteilt.

  • 1. Die wörtliche, geschichtliche Auslegung
  • 2. Die pneumatische, oder moralische Interpretation
  • 3. Die mystische Interpretation

Es zeigt sich bei Origenes, dass ein besonderes Verständnis für die Details in den Geschichten des AT bei den Vätern vorhanden war. So bezieht er jeden einzelnen Gegenstand des Zeltes auf die Kirche Christi und deutet ihn. In seiner 9. Homilie predigt er über die Kontinuität von Zelt und Kirche Christi:

„[…] Der Grund jedoch, warum das Zelt errichtet werden sollte, findet sich weiter oben, wo der Herr zu Mose sagt: „Mach mir ein Heiligtum, dort werde ich euch dann erscheinen“ (Ex 25,8). Gott will also, dass wir ihm ein Heiligtum errichten. Er verspricht nämlich, dass er uns erscheinen kann, wenn wir ihm ein Heiligtum errichten. Daher sagt auch der Apostel im Hebräerbrief: „Strebt voll Eifer nach Frieden und Heiligung, ohne die niemand Gott sehen wird.“ (Hebr. 12,14). Dies ist also das Heiligtum, dass Gott zu errichten befiehlt. Auch von den Jungfrauen will der Apostel, dass sie heilig seien an Leib und Geist (vgl. 1. Kor. 7,34). Er weiß ohne Zweifel, dass der, der durch die Reinheit seines Leibes und Herzens dem Herrn ein Heiligtum bereitet, Gott schauen wird (vgl. Mt 5,8). Lasst uns also dem Herrn ein Heiligtum errichten, wir alle eines und jeder Einzelne ein besonderes.
Wir alle errichten das Heiligtum der Kirche, die heilig ist „ohne Flecken oder Fehler“ (Eph. 5,27). Sie ist das Heiligtum, das als Säulen ihre Lehrer und Diener hat, von denen der Apostel sagt: „Petrus, Jakobus und Johannes, die als Säulen gelten, gaben mir und Barnabas, die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft.“(Gal 2,9). Während im Zelt also die Säulen mit dazwischen angebrachten Balken verbunden werden, verbinden sich die Lehrer in der Kirche indem sie sich die Hand reichen. […]
Aber auch ein jeder von uns kann in sich selbst ein Zelt für Gott errichten. Wenn nämlich, wie einige vor uns gesagt haben, dieses Zelt Sinnbild für die ganze Welt ist, jeder einzelne aber auch ein Abbild der Welt sein kann, warum kann dann nicht jeder auch das Bild des Zeltes in sich verwirklichen? Er muss sich also die Säulen der Tugenden aneignen, die silbernen Säulen, d.h. die auf Vernunft sich gründende Geduld. […]
Das Heiligtum kann das sein, was im gegenwärtigen Leben als heilige Lebensführung angesehen wird. Das Allerheiligste dagegen, in das man nur einmal eintritt, ist wie ich meine, der Übergang in den Himmel, wo die Bundeslade mit den Cherubim ist und wo Gott denen erscheinen kann, die reinen Herzens sind, besonderes, weil der Herr sagt: „Das Reich Gottes ist in euch“. (Lk 17,21).“1

Origenes beschreibt in diesem Ausschnitt seiner Predigt die Stiftshütte als den irdischen und den himmlischen Tempel.
Er sagt, dass Gott „uns erscheinen kann“, also dass er in dem Allerheiligsten unter uns ist. Wie der Hohepriester einmal im Jahr in die Wohnung Gottes tritt, so treten die Menschen einmal in den himmlischen Tempel ein. Das ist der „Übergang in den Himmel“ nach einer „heiligen Lebensführung“ auf Erden.
Alle gläubigen Menschen streben nach dieser Heiligkeit während ihres ganzen Lebens. Durch eine reine Lebensführung wird der Mensch Gott schauen können beim Eintritt in den Himmel. Dieser Moment tritt nur einmal im Christentum ein, nämlich nach dem Tod. Die Begegnung des Priesters mit dem Allerheiligsten entspricht diesem.
In Matthäus 27,51-52 wird beschrieben, dass dies nach dem Tod Jesu Christi möglich ist:
„Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten; und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt“.
Der Vorhang, der das Heiligste von dem Allerheiligsten trennte, wurde durch ihn zerrissen. Die Menschen, die ein heiliges Leben geführt haben, können in das Allerheiligste gelangen und Gottes Angesicht entgegentreten.
Origenes überführt den Glauben an die Stiftshütte ohne Bruch oder Verlust der Gedanken in den Neuen Bund. Er beschreibt es als umfassende Neuausrichtung auf Gott. Im Alten Testament ist das Zelt allein auf Gott bezogen. Es ist kein Wohnzelt, sondern der allerheiligste Ort, den die Israeliten hatten. Es stand für die Anwesenheit Gottes. Im Neuen Bund steht er für die Orientierung auf Gott durch Jesus Christus.

Das Zelt ist die von Christus eingesetzte Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen. Jeder Einzelne trägt dazu bei, dadurch dass er „in sich selbst ein Zelt für Gott“ errichtet, wenn er sich auf die „Säulen der Tugenden“ stützt.
Durch das Wirken des Heiligen Geistes wird jeder zum Tempel Gottes.
Origenes deutet das Bundeszelt in mehrfachem Sinn. Die Kirche, die auf Jesus Christus gegründet ist, ist ein Heiligtum für Gott. Für jeden einzelnen Gläubigen, der zu Gott strebt. Auf Erden ist Gott im Allerheiligsten präsent und für den Gläubigen nach dem Tod in Ewigkeit.
Er erschließt den Text für das Verständnis einfacher Gläubiger, indem er sagt, dass sich jeder auf den hl. Geist einlassen und heilig leben soll. Somit wird jeder selbst zum Tempel Gottes. Darüber hinaus formt Origenes Bilder des AT im Geiste des NT um. Er deutet zum Beispiel die Säulen des Tempels als Händegeben von und zu Gott.

Die von Jesus Christus eingesetzte Heilige Kirche
Origenes erklärt, dass das Bundeszelt und die Kirche keinen Bruch darstelle, oder dass etwas vollkommen Neues eingesetzt worden ist, sondern dass sich durch den Sohn Gottes die Verheißung des Alten Testaments erfüllt hat. Die wesentlichen Merkmale des Bundeszeltes lassen sich auch in der Kirche wiederfinden.

Das Allerheiligste in der Kirche der Christen ist der Tabernakel.
Das lateinische Wort Tabernakel steht für das Zelt und zeigt so die Verbundenheit zum Bundeszelt. Der Tabernakel dient in der katholischen Kirche zur Aufbewahrung des eucharistischen Brotes. Als Zeichen der Gegenwart Gottes, die im Bundeszelt durch Bundeslade ausgedrückt war, brennt in der Kirche das Ewige Licht.
Durch Jesus Christus hat das Reich Gottes auf Erden angefangen und wohnt – griechisch „zeltet“ – mitten unter uns. Es ist mitten und überall unter den Menschen und nicht allein in der „Wohnstätte“ des Zeltes. Das Wort – logos – ist Fleisch – sarxs – geworden und ist unter den Menschen. Gott ist durch Jesus immerwährend präsent in der Welt geworden. Durch die von ihm eingesetzte Eucharistiefeier, die Sakramenten und Werke, die Liebe und die Nachfolge Jesu ist Gott gegenwärtig. Der Tabernakel stellt eine kleine Lade dar.

Die heiligen Geräte der Stiftshütte haben durch Jesus Christus eine Bedeutung in der Kirche bekommen.
An dem Brandopferalter wurden Tiere zu Ehren Gottes geopfert zur Vergebung der Sünden. An Jom Kipur wurden Schafe als Sündenböcke in die Wüste getrieben zur Tilgung der Sünden durch Gott. Dieses hat sich durch Jesus Christus und seinen Opfertod am Kreuz erfüllt. Als Mensch ohne Sünde hat er für die Sünden der Menschheit gesühnt. Wie Origenes beschreibt, hat er dadurch den Vorhang von Heiligtum und Allerheiligstem zerrissen.
In dem ehernen Becken wusch sich der Priester um das Heiligtum rein zu beschreiten. Jesus Christus setze das Sakrament der Taufe ein, um mit Gott verbunden zu sein. Die Taufe ist in der Kirche der Akt der Reinigung und der Aufnahme in die Gemeinschaft der Heiligen.
Der Schaubrottisch war das Zeichen für das Leben und die Verbundenheit der 12 Stämme Israels. Jesus Christus „ist das Brot des Lebens“ (Joh 6,33-58) und nährt die Gläubigen.
Der goldene Leuchter war Lichtquelle in Zelt und Tempel. Christus ist das Licht der Welt (vgl. Joh 8,12). Er erleuchtet die Menschheit und befreit sie von der Dunkelheit.
Die Bundeslade im Allerheiligsten war der Ort, an dem der Hohepriester Gott real begegnen konnte. Er betrat diesen Raum am Versöhnungstag.
Jesus Christus ist die Versöhnung und die Vervollkommnung. Durch ihn ist Gott immer da und das Reich Gottes angebrochen. „Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Lk, 17,21).

„Jesus verbindet Altes und Neues Testament zu einer Heiligen Schrift. Die Ereignisse gehören zusammen und sind der Weg zu Christus.
So sind zum Beispiel das Bundeszelt, das Mose in der Wüste errichtete, und der erste und zweite Tempel Jerusalems Bilder für die Kirche, den neuen Tempel, der auf Christus und den Aposteln aus lebendigen Steinen erbaut worden ist, die fest zusammengefügt sind durch die Liebe des Heiligen Geistes. Und wie zur Errichtung des alten Tempels auch Heidenvölker dadurch beigetragen haben, indem sie hochwertige Materialien und die technische Erfahrung ihrer Maurermeister zur Verfügung stellten, so tragen zum Aufbau der Kirche Apostel und Lehrer bei, die nicht nur aus den alten jüdischen, griechischen und lateinischen Stämmen kommen, sondern auch aus neuen Völkern.“2

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1 Theresia Heither: „Predigten des Origenes zum Buch Exodus“ S.185 ff.
2 Benedikt XVI. (2009). Der Hl. Beda Venerabilis, 18. 02. 2009.

Literatur:

  • LthK² 1937 (Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Aufl.)
  • Heither, Theresia: Predigten des Origines zum Buch Exodus, Münster 2008
  • Riedinger, Paul: Von der Hütte Gottes, dem irdischen und himmlischen Tempel, Lüdenscheid 1991.
  • Benedikt XVI. (2009). Generalaudienz, Der Hl. Beda Venerabilis
    Online im Internet: WWW: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/audiences/2009/documents/hf_ben-xvi_aud_20090218_ge.html (Stand: 05.11.2012)