Benedikt Benninghaus

Der Verlust des Kollektivs und die Suche nach Identität bei Henning Mankells “Mörder ohne Gesicht”

Um sich dem Thema Spiritualität und Identität in Kriminalromanen zu nähern und sich die Bedeutung dieses Aspektes beim Lesen zu verdeutlichen, erscheint es sinnvoll, einige kurze Bemerkungen zum Wandel des Krimi-Genres der Arbeit voranzustellen, um danach Henning Mankells “Mörder ohne Gesicht” aus diesem ungewöhnlichen Blickwinkel zu untersuchen.
Mit dem Kriminalroman verbindet sich die klassische Aufteilung “Anfang – Mitte – Schluss”. Hauptakteur ist ein kompetenter Detektiv oder Polizeiarbeiter, der als Held gegen das Verbrechen kämpft. Sein Gegenspieler ist immer der Täter, der durch den intelligenten Protagonisten im Laufe einer spannenden Erzählung gestellt wird. Im Mittelpunkt dieser Romane steht demnach das Verbrechen, die Fahndung und Überführung des Täters. Die Spannung kommt durch das “Wie” auf.
Diese klassische Einteilung hat sich in der jüngeren Vergangenheit gewandelt. Vielmehr stehen der Akteur und sein soziales Milieu im Vordergrund. Fragen des Lebens werden in der Erzählung in den Blickpunkt gerückt. Dadurch, dass es keine klare Abgrenzung zwischen Täter und Opfer mehr gibt, werden Brüche in der Existenz der handelnden Personen aufgezeigt. Besonders die Persönlichkeiten werden facettenreich vorgestellt. Hierbei werden besonders sozialkritische und psychologische Fragen in den Mittelpunkt gerückt. Es geht um Gefühle und Intuitionen, die nichts mit dem detektivischen Geschick, sondern mit der eigenen Gefühlswelt des Protagonisten zu tun haben. Weitere Thematiken sind die Unbegreiflichkeit der Welt1, das Bestehen vor sich und der Gesellschaft und gebrochene Existenzen, die die traditionellen Deutungsmuster verlassen haben und auf der Suche nach der eigenen Identität sind.
Mit “Mörder ohne Gesicht” beginnt Henning Mankell 1999 seine Kommissar Wallander-Reihe.

Henning Mankell wurde 1948 in Härjedalen, Schweden, geboren. Er wuchs alleine bei seinem geschiedenen Vater auf. Dieser arbeitete als Richter. Seine Mutter beging später Suizid.
Mit 17 Jahren zog er nach Stockholm und wurde Regieassistent. Schon in seiner Jugend interessierte er sich für Afrika; 1972 reiste er erstmals dorthin und entwickelte zunehmend eine kritische Distanz zu Europa. Seitdem lebt er die Hälfte des Jahres in Mosambik. Für die einheimische Bevölkerung engagierte er sich stets. Er selbst bezeichnet sich als Realisten. Henning Mankell nahm aktiv teil an der 68er-Bewegung, beteiligte sich an Protesten gegen den Vietnam-Krieg und unterstützte die kommunistische Partei Schwedens, ohne selbst Mitglied gewesen zu sein.
Schon seine Frühwerke “Bergsprängaren” und “Der Sandzeichner” haben einen sozialkritischen Hintergrund und das Ziel “die Gesellschaft zu demaskieren”.2 Viele persönliche Erfahrungen bilden die Themen seiner Romane. Darunter auch die Reihe des Kommissar Wallander, dessen Biographie einige Parallelen zu Mankell aufweisen.
Über seine Kriminalromane äußert sich Mankell folgendermaßen: “Was jemand sich auch immer an brutalen Dingen ausdenkt und schreibt: die Wirklichkeit ist noch grausamer und noch schlechter. Also, es ist nicht meine makabre Phantasie, die sich das alles ausdenkt. Es ist die Wirklichkeit, die den Autor mit ihrem ‘Material’ bestürmt. Ich denke, man muss die Dinge deshalb so pervers gestalten, wie sie tatsächlich sind.3
Ziel des Autors ist nicht, einen klassischen Detektivroman zu schreiben, sondern: “die Gesellschaft im Spiegel des Verbrechens zu betrachten. […] Ich schreibe darüber, was in der Gesellschaft vor sich geht.4

Thematische Schwerpunkte sind Kurt Wallanders und seine Art und Weise mit Persönlichem und der Arbeit umzugehen, das Beziehungsgeflecht und die Bedeutung des Umfelds für den Kommissar, die Gewalt gegen Ausländer und die damit verbundene Kritik an Politik und Gesellschaft und die Stellung der Polizei als Sinnbild für die degenerierte Wohlstandsgesellschaft.

Kurt Wallander (Jahrgang 1947) ist in einer alten umgebauten Schmiede aufgewachsen. Sein Vater ist Maler, seine Mutter ist früh gestorben. Seine Schwester Kristina lebt in Stockholm. Nach dem Tod seiner Frau verkauft der Vater die Schmiede und zieht in ein kleines Haus zwischen Kåseberga und Löderup. Das malerische Motiv seines Vaters ist immer dieselbe melancholische Herbstlandschaft. Einzige Besonderheit ist ab und zu ein Auerhahn.
Mit 18 Jahren beginnt Wallander seine Polizeiausbildung in Malmö, wo er dann einige Jahre als Streifenpolizist arbeitet.
In den Roman ist er Kommissar, Vizepräsident der Polizei und lebt in Ystad, einer Kleinstadt in der schwedischen Provinz Schonen. Dort wohnt er allein, nachdem seine Frau Mona sich von ihm getrennt hat und seine Tochter Linda sich nach Stockholm abgesetzt hat. Sie findet in dem Kenianer einen Partner.
Kurt Wallander liebt klassische Musik, trinkt am liebsten Whisky, auch zu viel. Seine Gesundheit ist ihm eher unwichtig. Er ernährt sich von Fastfood und kämpft mit seinem Gewicht. Gerne möchte er seine Gewohnheiten ändern, scheitert daran aber regelmäßig. In weiteren Romanen wird noch Diabetes diagnostiziert.

Wallanders Vater ist der einzig nahe Verwandte, mit dem er Kontakt hält. Die Beziehung zu ihm ist aber keineswegs spannungsfrei. Den Wunsch, Polizist zu werden, kann der Vater nie verstehen und er unterstützt seinen Sohn bei diesem Vorhaben auch nicht weiter. Allerdings weiß der Sohn auch nicht, was sein Vater eigentlich von ihm erwartet.
Dennoch ruft sein greiser Vater ihn fast täglich an, doch Wallander blockiert seine Anrufe häufiger.
Die Beziehung zu seiner Frau ist in die Brüche gegangen. Den Grund dafür sieht Wallander in dem “tristen Alltag” und der Leere, “die sie alle umgab”.5 Der Gedanke an sein Eheleben versetzt ihn in Angst. Auf die Scheidung reagiert er mit Wut, Gewalt und Verzweiflung.6
Es zeichnet sich ein ambivalentes Verhalten ab. Wallander vermisst seine Frau, verwirft diesen Gedanken jedoch gleichzeitig wieder. Bei einem Treffen nimmt er sich vor, sich bei ihr zu entschuldigen, doch wird ihm aber gleichzeitig klar, dass es endgültig vorbei ist.7 Dennoch bleibt seine Frau Mona in späteren Romanen die Vergleichsgröße, wenn es um andere Partnerinnen geht.
Überhaupt ist sein Verhältnis zu Frauen ist schwierig. Die Annäherungsversuche zur Staatsanwältin Brolin erfolgen entweder unter Alkohol oder recht umständlich und verletzend für die Frau.
Auch seine durchaus rebellische Tochter hat keinen besonderen Bezug zu ihm. In einem Telefonat erfährt er, dass sie in der Stadt war, sich aber nicht bei ihm gemeldet hat. Ein paar Jahre zuvor hat Linda einen Selbstmordversuch begangen. Dieses Ereignis hat die Beziehung erheblich gestört. Nach dem kurzen Telefonat mit seiner Tochter sei in ihm etwas gestorben, sagt er.8 Die andauernde Beziehungslosigkeit empfindet der Kommissar als sein eigenes Elend.9
Zu seiner Schwester hat er nur ein distanziertes Verhältnis. Ein Demenz-Anfall des Vaters kann keine Verbesserung der Beziehung herbeiführen. Nur sporadisch unterhalten sie sich über den aktuellen Gesundheitszustand ihres gemeinsamen Vaters.

Privat tauscht er sich fast ausschließlich mit dem Arbeitskollegen Rydberg aus, der für ihn als eine Art Vaterfigur fungiert. Ihn nimmt er auch auf polizeilicher Ebene als einzigen ernst, da er seinen Beruf mit ähnlicher Leidenschaft und ebenso akribisch ausübt wie er selbst. Doch wirkliche Freundschaft verbindet ihn mit niemandem. Eigentlich kennen die Kollegen sich untereinander nicht. Keiner öffnet sich auf persönlicher Ebene dem Anderen.
Familiäre Probleme schiebt er zugunsten des Berufs beiseite.
Wallander möchte die Tatsache aber akzeptieren, dass sein “Leben nun einmal so aussieht, wie es im Moment der Fall ist”.10
Seinen Beruf führt er aber, wie gesagt, sehr akribisch aus. Er arbeitet lange in der Nacht, erledigt viel allein und setzt sich durchaus Gefahren aus. Wallander betreibt seinen Beruf indem er Laborberichten, Tatsachenforschung, ständiger Nachfrage nachgeht. Einiges überlässt er seiner Intuition und dem Zufall. So kommt es in der Ermittlungsarbeit zu einer “Eingebung, die er selbst nicht verstand”11. Seine Gesundheit ordnet er wiederholt seiner Arbeit unter.
In seiner Freizeit ist er dagegen sehr melancholisch. “Seiner allabendliche Tristesse” begegnet er mit Opernmusik und Whiskey.12
In seiner Einstellung zur Asylpolitik zeigt sich ein gewisser widersprüchlicher Charakter. Einerseits ist er entsetzt über die zunehmende Gewalt, die von der Großstadt auch auf das Land überschwappt, – die Fremdenfeindlichkeit bereitet ihm große Sorgen -, andererseits ertappt er sich selbst bei dem Gedanken, dass die Asylpolitik seines Landes vollkommen verfehlt ist.13 Wiederholte Träume von einer farbigen Frau nehmen später aber wieder ab. Sein Kollege Svedberg scheint ausländerunfreundlich zu sein. Hierauf reagiert er mit Wut.14
Am Ende ist er wankelmütig, kann die Täter angesichts der Lage in Schweden verstehen, aber gleichzeitig auch nicht.15
Auch die ansteigende Brutalität der Verbrechen bereitet ihm Angst. So ist der vorliegende Fall “das schlimmste”, was er je gesehen hat und Wallander fragt sich, in welcher Welt er eigentlich lebt.
Angesichts des Verbrechens ist er beim Nachdenken darüber nahezu gelähmt und verunsichert. Verunsichert, ob es nicht vielleicht neue Polizisten geben muss, die so etwas ohne Angst angehen.16 Die Unsicherheit und Fassungslosigkeit verschärft sich in der Kriminalreihe noch zunehmend.
Als er einen alten Freund trifft, mit dem er zusammen bei der Oper hat arbeiten wollen, denkt er daran, ob dies Trost bringe.
Wallander reflektiert seine polizeiliche Arbeit und sein Privatleben (rund um Frau, Tochter und ehemalige Freunde) und erkennt große Sinnlosigkeit, die darüber “lächelt”, dass er vergeblich versucht sein Leben in den Griff zu bekommen.17 Er folgert, dass er sich dem Privatleben mehr zuwenden muss. Doch gleichzeitig verdrängt er solche Gedanken ständig, oder es kommt ihm der Gedanke, alles hinter sich zu lassen und zu fliehen. Über seine Arbeit vergisst er öfter, mit seiner Familie zu kommunizieren und für sie da zu sein.

Kurt Wallander sagt über sich selbst, er sei nicht philosophisch veranlagt. Er möchte nicht in sich selbst versinken, sondern sich eher den praktischen Lebensfragen zuwenden. “Was es jenseits [der praktischen Fragen] gab, war etwas Unausweichliches, das sich nicht davon berühren lassen würde, daß er über einen Sinn nachgrübelte, den es am Ende dann wohl doch nicht gab.”18
Später überlegt er, woher wohl “unsere Gewohnheiten” kommen.19

Sein Leben stellt er nach dem Besuch einer der Mütter, die zu dem Fall angehört werden, in Frage. Er betritt ihre Wohnung, und sie kommt ihm trostlos und voller Resignation vor. Ihr trostloses Leben mit einem unehelichen Kind, das vielleicht ein Mörder ist, kommt ihm vor, wie sein “eigenes verkorkstes Leben”.20Daraufhin will er abermals sieben Tage aus dem Alltag fliehen.

Kurt Wallander ist ein Anti-Held. Er ist keine idealisierte Figur, sondern ein Mensch mit vielen Fehlern und Schattenseiten. Er ist depressiv und einsam, er hat Gewichtsprobleme und Schwierigkeiten mit Frauen. So gut er als Ermittler ist, so kommt er doch nicht mit seinem privaten Leben zurecht. Zu seinem Umfeld kann er keine wahre Beziehung aufbauen, seine Familienverhältnisse sind zerrüttet, und er selbst sieht sich in vielen Punkten seines Lebens gescheitert. In seiner Arbeit ist er korrekt, er liebt und lebt für sie.
Seine Angst gilt dem neuen Schweden, einer sich verändernden Gesellschaft. Das Ideal, das er in seinem Polizeiberuf sieht, scheint selbst dort, wo Recht und Ordnung herrschen sollten, aufgehoben.
Wenn er in Gedanken auch der Welt entfliehen, sein verkorkstes Leben in den Griff bekommen möchte, so wagt er den Schritt doch nicht. Es scheint, als möchte er seine geistigen Ideale durch beharrendes Arbeiten durchsetzen und vorleben.
Er steht aber allein da, ohne Mitstreiter. Der einzige, der seiner Vorstellung entspricht – Rydberg – ist krebskrank.
In seiner Einsamkeit und Trostlosigkeit flüchtet er in den Alkohol, in ungesundes Essverhalten oder die Oper. Später erkrankt er selbst.
Henning Mankell zeichnet einen gebrochenen Mann, der viele Verluste durchsteht, der krank ist.
Das einzige was bleibt, ist seine Arbeit. Seiner Sehnsucht nach einem gerechten Staat, mit den Idealen von Recht und Ordnung, kann Schweden angesichts der unfassbaren Brutalität und der sich auflösenden Strukturen nicht gerecht werden. So gilt seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Polizeiarbeit, die von Mankell als Autor unglaublich präzise beschreiben wird, so dass der Leser jedes kleine Detail von Wallanders Arbeit mitverfolgen kann.
Bezeichnenderweise ist Kurt Wallander die einzige Persönlichkeit, die Mankell beschreibt. Das Innenleben anderer Akteure kommt fast gar nicht zur Sprache, auch interessieren nicht die Gedanken und Motive der Täter. Er ist die Identifikationsfigur der Leser. Und gerade weil er menschlich und fehlbar ist und mit seinem tristen, gar depressiven Alltag zurecht kommen muss, können sich die Leser in ihn hineinversetzen und mit ihm leiden.
Die Hilflosigkeit in seinen Beziehungen zu anderen Menschen, das Zerbröckeln des Staates, der einsetzende Diabetes und Alzheimer, lassen Wallander immer wieder ans Aufhören denken. Er denkt an einen Austritt aus dem sich verändernden gesellschaftlichen Leben, das er mit Fassungslosigkeit betrachtet. Es erscheint ihm sinnlos, sich gegen den Zerfall zu wehren.
In den Folgeromanen beschreibt Mankell Wallander als einen Menschen, der zu denen gehört, die sich jedes Mal beim Aufstehen fragen, ob das Leben noch einen Sinn hat. Damit bezieht er sich nicht direkt auf sein eigenes Leben, sondern auf das Leben allgemein in einem hoch technisierten Sozialstaat und in einer globalisierten Welt und schließlich vergrößert sich sein Leid nahezu ins Unermessliche. Wallander macht sich Sorgen über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen den Erfolgreichen und den Gescheiterten. Es gibt aber keinen Ausweg, kein Happy End. Mankell beschreibt in den Romanen Entwicklung und Veränderungen von Wallander. Er wird von Fall zu Fall skeptischer und nüchterner.

Seine Bemühungen, eine Frau zu finden, die ihn versteht, scheitern. Ihn plagt zwar ein schlechtes Gewissen, weil er sich bei seiner Tochter kaum meldet und seinen Vater eigentlich nicht kennt. Dagegen unternimmt er jedoch nichts.

Die Gesellschaft kennt keine gemeinsame Spiritualität mehr, sondern nur noch Egoismen. Jeder “backt seine eigene Brötchen”. Die Sehnsucht nach einem Land, wie es vorher bestand, kennzeichnet Wallander. Er scheint damit aber verloren in der sich ändernden Welt. In einer seelenlosen, globalisierten Welt und menschlicher Beziehungslosigkeit findet er sich wieder, die er nicht ertragen kann. Die Menschen handeln nur für sich selbst. Während der Achtziger- und Neunzigerjahre ist viel von der früheren Solidarität und Moral verloren gegangen. Am Beispiel eines Serienmörders in “Mittsommermord”21 zeigt Mankell eine Form des moralischen Zusammenbruchs. Ein Mann verliert zuerst seine Arbeit und dann auch die Kontrolle über sein Leben, denn keine sozialen Bindungen oder Werte halten ihn mehr. Kontrolle hat er einzig noch über die Untaten, die er plant und ausführt. Was man bei dem Autor Mankell anhand seiner engagierten Tätigkeit für Afrika entdecken kann, sieht man auch bei Wallander. Doch hat dieser außer der akribischen Arbeit kein Mittel gegen den Wandel, weil er keine Quelle hat, an der er sich orientieren kann, außer der Vergangenheit.
So bleibt er fassungslos zurück mit seiner Arbeit, in der er darauf bedacht ist, die Täter zu überführen und gerecht zu bestrafen. Auch in anderen Personen offenbart sich diese letzte kleine Instanz, die Arbeit, als eine Konstante. So zeichnet der Vater immer dasselbe Motiv.

Mankell zeigt, dass man auch in einer Welt, die vor allem undurchschaubar, unbeeinflussbar, unregierbar und nicht revolutionierbar ist, trotzdem als Einzelner der Allgemeinheit etwas Gutes tun kann. Wallander übt dies durch seinen Beruf aus. Aber vor seiner Bürotür scheitert er schon, wenn der erste Kollege nicht weiß, wo der andere ist. Seine Bemühungen übertragen sich nicht auf andere und somit nicht auf das Gemeinwohl.

Der Leser kann hier aber einen Seelenverwandten finden. Die Generation Wallander steht der neuen Ego-Generation machtlos gegenüber.

Kurt Wallander erscheint als unbeweglich, gar eingefroren in seinem Handeln. Der Autor zeichnet den Verlust von traditionellen Deutungsmustern. Wallander beobachtet auf Beerdigungen oder ähnlichem die Religion nur noch, er lebt sie aber nicht. Diesem Verlust tritt kein neuer Halt entgegen, es wird nach etwas gesucht, doch letztendlich scheitert Wallander darin. Sein Leben ist nur die Arbeit. Auch in den menschlichen Beziehungen zeigt sich verlorengegangene Vertrauen in andere Personen. Es wird nur durch noch mehr Arbeit kompensiert. Der Mensch vereinzelt, die gesellschaftliche Einbindung geht verloren.
Formen und Rituale, also wiederkehrende Momente, die einen werthaften Charakter darstellen, sind bei Kurt Wallander völlig weltliche Dinge, die nicht zu einer Stabilisierung der Lebensform dienen.22

Der Fall, den Mankell hier beschreibt, beruht auf wahren Tatsachen, die sich in Schweden zugetragen haben. Dieses Moment veranlasst Mankell, einen Roman über die bedrohlich zunehmende Gewalt, auch mit rassistischem Hintergrund, zu verfassen.
In allen Folgeromanen gibt es eine gesellschaftskritische Komponente und Mankell hätte den Romanen im Nachhinein den Untertitel “Romane über die europäische Unruhe” gegeben.23 Wie beschrieben, versucht er auch ein Blick in die Psyche der Täter zu geben und nach den Gründen für die Tat zu suchen. Die findet er in der modernen Gesellschaft.
In dem Roman empfindet sich Wallander als vielleicht konservativ, im Sinne der sozialistischen Werte bewahrend. Diese Einstellung lässt sich auf den Autor übertragen, indem er mit Wallander über die Gesellschaft sinniert.
In seinem Roman beschreibt er die ländlichen Gegenden, die zu Vorstädten von Stockholm werden. Vor allem ist der Drogenhandel gewachsen, und die Anzahl an Gewaltverbrechen werden noch steigen.
Es gibt keine Geschlossenheit mehr unter den Menschen, sondern eine Zerfransung von den Rändern der Kleinstädte bis hin zur Großstadt. Terminschwierigkeiten und eigene Probleme stehen in der Polizeiarbeit über dem Beruf.
Die Strukturen der Gesellschaft, wofür die Polizei im Roman steht, also Recht und Ordnung, Werte auf die Mankell selber Wert legt, sind in die Brüche gegangen.
Wallander lässt Mankell oft über die “alte Welt” nachdenken, als diese noch friedlich und das größte Verbrechen das Schwarzfahren war. Doch gibt es sie als solche nicht mehr. Gegenüber der neuen Welt empfindet Wallander Unsicherheit und Verwirrung. Seine Generation ist vollkommen irritiert darüber, was passiert und verzweifelt daran.24

Die Sehnsucht Mankells nach der Vorstellung der Folkhemmet findet sich bei Wallander, der nach einem Miteinander in der Welt, nach Solidarität, sucht, wieder. Sie drückt sich aus in der Person der Sekretärin Ebba, die über alle Angelegenheiten auf dem Präsidium als einzige Bescheid weiß. Sie ist besorgt über die Scheidungsrate der Bevölkerung, kümmert sich um jeden, auch in privaten Dingen, und weiß, welcher Kollege gerade wo ist und was er macht. Sie ist also die “gute Seele” des Hauses. Behüterin von Werten und Vorstellungen, die aber nicht mehr woanders festzustellen sind.25

Gerade im letzten Punkt lässt sich Mankells Vorstellung einer bestimmten Idee der Gesellschaft ableiten. Das schwedische Folkhemmet, zu deutsch Volksheim, ist die Gedanke eines idealistischen Wohlfahrtstaates. Der Begründer für diese später sozialistische Programmatik ist Per Albin Hansson, der sie so formuliert: “Gemeinsamkeit und Einverständnis. Im guten Heim gibt es keine Privilegierten oder Benachteiligte, keine Hätschelkinder und keine Stiefkinder […] Gleichheit, Fürsorglichkeit, Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft […] Abbau aller sozialen und ökonomischen Schranken.”26

Das verlorene Ideal ist Teil von der sozial-politisch kritischen Gesellschaftsanalyse in Mankells Wallander. Dass sich der Autor mit der Ausländerthematik beschäftigt und diese direkt mit der Gesellschaftskritik verbindet, erläutert Kevin Kutani: “Ende des letzten Jahrzehnts und Anfang der 90er Jahre stieg die Zahl der nach Schweden einreisenden Flüchtlinge um ein Vielfaches. Heute ist jeder zehnte Einwohner Schwedens ein Ausländer. Dies führt vor allem zu Entfremdungs- und Verfremdungszuständen in der Gesellschaft.”27

In einem Roman trifft Wallander auf eine Sekte, die Heil in einem Führer sieht. Wallander erkennt sie als psychisch gestörte Leute. Die Staatskirche Schwedens ist kaum wahrzunehmen. Eine Beerdigung wird beschrieben, aber eine richtige Berührung mit dem Religiösen gibt es nicht. Es hat höchstens eine rituelle Bedeutung für ihn, aber seelisch berührt es ihn nicht.
Er holt sich keinen Trost aus etwas Übernatürlichem. Halt findet er in Gewohnheiten, in der Arbeit, in der Unterstützung von der Staatsanwältin für seine Arbeit und in der Förderung junger Polizisten.
Auch der Gedanke, dass sich Wallander in seiner Gebrochenheit an einen Geistlichen wendet, ist ausgeschlossen, weil es nicht zu seiner Figur passt. Er macht ein paar Spaziergänge, hat aber keine besondere Beziehung zur Natur als Schöpfung. Die Transzendenz spielt keine Rolle, da die Welt etwas Funktionalistisches ist.
Der Gerechtigkeitswillen von Wallander wird ebenfalls nicht großartig thematisiert. Strafe und Besserung für Schweden sind für ihn das Wichtige, nicht das Verstehen der Tatmotive.
Scheidungen, Anstieg der Ausländerzahl – ob gewollt oder ungewollt, Brutalität, Kriminalität der Jugend, eine hohe Selbstmordzahl von Jugendlichen – im Buch ausgedrückt durch Linda- all dies deutet auf Hoffnungslosigkeit und Fehlen von Zukunftsorientiertheit hin. Die Menschen streben nach keinem Ziel, nach keiner verbindenden Zukunft mehr. Auch in den Folgeromanen lässt sich nichts darüber aussagen, was Wallander nach seiner Pension machen wird. Obwohl der Charakter deutlich ausgearbeitet wird und sich der Leser mit dem Protagonisten identifizieren kann, weil dessen Identität inzwischen eine ganz normale zu sein scheint, wenngleich eine depressiv-melancholische, ist eine Zukunftsprognose nicht zu machen. Im letzten Roman beginnt eine Demenz. Ihm wird vielleicht dasselbe Schicksal zuteil wie seinem Vater, doch ist für Mankell Wallander als Romanfigur damit abgeschlossen. Gerade weil sein Leben die Arbeit ist.
Hier kann der entscheidende Punkt für Theologen bzw. Leser liegen, die aus solchen gesellschaftskritischen Romanen etwas herausarbeiten wollen.
Es dreht sich um das verlorengegangene Ideal einer sozialistischen Gesellschaft, das auf Machbarkeit und Zukunft aus war, das eine konkrete Hoffnung für ihre Zukunft sicher stellte, eine Utopie von unbedingter Solidarität aller in der Gesellschaft sein wollte; dieses Ideal sollte in das Sein verwandelt werden. Doch ist diese Hoffnung in eine Hoffnungslosigkeit umgeschlagen, in eine depressive selbstbezogene Haltung.
Dieses Leben ohne Sinnhaftigkeit – oder auch übernatürlichen Inhalt -, das auf ein Ziel, auf eine Hoffnung ausgerichtet und dadurch angetrieben wird, läuft letztlich ins Leere.

“Was geschieht in Menschen, die von der Gesellschaft auf das Abstellgleis geschoben werden, die den Bescheid bekommen: ‘Wir brauchen Dich nicht, Du bist unnütz!’ Hier habe ich versucht, die schlimmsten Konsequenzen für die Psyche eines Menschen zu ziehen, der es nicht erträgt, ausgestoßen zu sein. Und bei dem nun der Wille, Glück und Leben zu zerstören, zum Ventil der Enttäuschung wird.”

“Für mich ist es wichtig, deutlich zu machen, dass der Mensch im Grunde gut ist und dass niemand böse auf die Welt kommt. Der Mensch hat Gefühle, möchte mit anderen zusammen sein und will anderen Gutes tun. Die schlechten Umstände sind es, die die böse Handlungen erzeugen, nicht der Mensch selber. Es sind vor allem diese Umstände, die wir immer wieder bekämpfen müssen.” 28
Anhand dieser beiden Zitate zeichnet sich das beschriebene Bild der Gesellschaft ab: sie hat kein Ziel und keine gemeinsame Seele; die Menschen werden nicht freundlich in die Mitte aufgenommen.
So kann man Mankells Überlegung dahin erweitern, dass es statt Romane “über die europäische Unruhe”, Romane über “die große Depression” sind.

Kurt Wallander hat eine Formel, die er sich selbst vorsagt: “Leben hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit”.29 Diese lässt sich mit dem Bibelvers: “Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben” aus dem Buch Kohelet vergleichen.30

Der entscheidende Unterschied zwischen Bibel- und dem Wallander-Zitat ist der, dass das von Wallander zur Beschwörungsformel empor gehobene Zitat so nicht in der Bibel gefunden wird und nur vermeintlich gleich ist.

Die Bibel parallelisiert die Zeit des “Gebärens” mit der Zeit des “Sterbens”. Geburt und Tod, ein passives Geschehen.
Leben und Sterben stehen aber bei Wallander als aktives Geschehen im Vordergrund.
So liegt bei Wallander eine Subjektivierung des biblischen Zitates vor.

Es scheint also, es sei eine vage Erinnerung an diese Stelle aus der Bibel von Wallander, die aber die Aussage verfehlt. Die biblische betrifft eine Zeitspanne von Alpha bis Omega.
Bei Wallander steht das bloße Leben dem Tod, dem Sterben gegenüber.
So ist die Bibel konkreter in ihrer Sprache, schon allein im Kontext ist alles anschaulicher. Die Spanne A – O wird mit weiteren Vergleichen belegt und am Ende legt es das Leben in Gottes Hände, da alles Sein Geschenk Gottes ist.

Der moderne Mensch hingegen, der keine religiöse Bindung mehr hat, greift auf eine Verallgemeinerung zurück, auf eine vage Erinnerung aus der Bibel. Es hat aber nichts mehr mit dem biblischen Kontext zu tun. Sobald es zu einem einfachen Sprichwort geworden ist, ist es dem biblischen Kontext enthoben und profaniert worden.

Durch die Herauslösung aus dem Ursprungskontext wird es also zu einem banalen Sprichwort, ohne Sinnzusammenhang.
Das aber ist Wallanders Mantra – nicht im buddhistischen Sinn – für alle Situationen seit einer Messerstecherei, bei der er verletzt wurde.
Die Selbstmotivation durch ein sinnentleertes Zitat weist auf ein “gar nichts” hin. Auf das einfache “mal lebt man und dann ist man tot”. Ähnlich wie an das Trinken und an das Rauchen wird sich an Belanglosigkeiten gehalten. Das Zitat klingt erst einmal interessant, erweist sich aber als bedeutungslos, im Kern nihilistisch – als ob es einen Sinn hätte, ihn aber nicht enthält.

Und dieser sinnfreie Spruch kommt Wallander in den Sinn, als das Leben fast zu Ende ist.
Auch die Gesellschaft sucht nichts mehr, kommt nicht mal mehr zu dem Camus’schen “trotzdem”.

Die Ereignisgeschichte ist geprägt geprägt von Mord und Totschlag, vom Zerbrechen der gesellschaftlichen Ordnung, von Depression und Orientierungs- und Zielverlust.
Das führt bei Wallander zum Identitätsproblem und zum Spiritualitätsverlust.
Daran lässt sich ablesen, dass die darunterliegende Zeitschicht, longue durée31, einem allmählichen Wandel unterliegt.
Mord und Totschlag und Verlust der Moral berühren zwar nicht den tieferen Grund des Geschichtsstroms, künden aber von einer eingetretenen Änderung der Tiefenstruktur.

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1 Dieser Punkt tritt bei Henning Mankells Romanen besonders hervor.
2 zitiert nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Henning_Mankell.
3 http://www.wallander-web.de/statements.htm.
4 http://www.schwedenkrimi.de/mankell_interview2.htm.
5-20H. Mankell, “Mörder ohne Gesicht”, München23, 2007, Ss. 56, 57, 171, 26, 166, 39, 95, 112, 56, 131, 256, 194, 98, 149, 291, 295
21 “Mittsommermord” ist ein Folgeroman.
22 s. “Wallanders Beschwörungsformel”.
23 Diesen Untertitel gab Henning Mankell seinen Romanen im Nachhinein. Siehe: http://www.welt.de/print-welt/article389796/Wallander_Episode_I.html.
24 Vgl. H. Mankell, “Mörder ohne Gesicht”, München23, 2007, S. 278.
25 Vgl. ebd. S. 148.
26 http://de.wikipedia.org/wiki/Folkhemmet.
27 K. Kutani, Gesellschaftskritik im schwedischen Kriminalroman am Beispiel von Henning Mankell, Magisterarbeit, S. 7.
28 Beide Zitate entnommen von: http://www.wallander-web.de/statements.htm.
29 H. Mankell, “Mörder ohne Gesicht”, München23, 2007, S. 334.
30 Elberfelder, Pred. 3,2 (Koh, 3,2).
31 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Longue_dur%C3%A9e und http://de.wikipedia.org/wiki/Fernand_Braudel.

Literatur:

  • Mankell, Henning: Mörder ohne Gesicht, München23, 2007
  • Die Bibel: Altes und Neues Testament. Elberfelder Übersetzung, Paderborn, 2005
  • Kutani, Kevin: Gesellschaftskritik im schwedischen Kriminalroman am Beispiel von Henning Mankell.
    Online im Internet:
    http://books.google.de/books?id=4L5h4QLTb0IC&pg=PA53&lpg=PA53&dq=Gesellschaftskritik+im+schwedischen+Kriminalroman+am+Beispiel+von+Henning+Mankell.&source=bl&ots=NDyvgBytvh&sig=GBnFwUbBeAVN8UULJhbjlzcpqto&hl=de&sa=X&ei=HbGiUKO-Joa90QWhsYGYDA&ved=0CEAQ6AEwBA#v=onepage&q&f=false
  • http://de.wikipedia.org/wiki/Henning_Mankell
  • http://de.wikipedia.org/wiki/Folkhemmet
  • http://de.wikipedia.org/wiki/Longue_dur%C3%A9e
  • http://de.wikipedia.org/wiki/Fernand_Braudel
  • http://www.wallander-web.de/statements.htm
  • http://www.schwedenkrimi.de/mankell_interview2.htm
  • http://www.welt.de/print-welt/article389796/Wallander_Episode_I.html