Benedikt Benninghaus

Gedenken an P. August Benninghaus SJ

Schloß Hartheim, ein Ort an dem das Böse unsichtbar, aber dennoch greifbar war. Leere und Stille trugen zu einem bedrückenden Gefühl auf Schloß Hartheim in der Nähe von Linz bei. Daß nichts mehr von den Gräueltaten der Nationalsozialisten zu sehen war, machte mir an Ort und Stelle im Sommer 2004 anschaulich, wie gewollt und vorsätzlich die Nazis den Tod unschuldiger Menschen herbeigeführt haben. Die Abscheulichkeit ihrer Verbrechen war ihnen bewusst. Die meisten Konzentrationslager waren durch die Hungermärsche entleert worden. Auch an diesem Ort war nichts mehr übrig. Die Registrierung, die Gaskammer, der Ofen. Alles war weg. Die Feinde sollten keine Kenntnis von der Vernichtungsmaschinerie erhalten. Nur das Schloß wurde nicht in die Luft gesprengt.

Der Tod an diesem Ort war auch für meinen Ur-Großonkel Pater August Benninghaus SJ vorgesehen. Für die Busfahrt von Dachau in die Nähe von Linz war er aber schon zu schwach. Am 20. Juli 1942 starb er den Hungertod im KZ Dachau, nicht ganz 62 Jahre alt. Im selben Jahr wurde am 31. August eine Urne mit Asche in Ankum begraben. Auf seinem Grabmal stehen die Worte „Märtyrertod Dachau“.

Sein Martyrium begann jedoch viel früher, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Pater Benninghaus stand fest in seinem Glauben und trat mit klaren Worten und Predigten dafür ein. 1934 musste er zum ersten Mal seine Äußerungen rechtfertigen. Der Grund war trivial, genau wie der 1936. Ein Sondergericht in Köln befragte ihn zu der Äußerung, was es bedeute, die Kirche habe schon viele Reiche überdauert. Dies galt den Machthabern als heimtückischer Angriff auf den Staat und die Partei. Für die Machthaber war der Pater wegen seiner Äußerungen ein „Meckerer und Miesmacher“.

1928 wurde Pater Benninghaus in Münster Diözesanpräses der Männergemeinschaften. Er leitete Exerzitienkurse und wirkte als Volksmissionar. Von seinem Zimmer in der Königstraße 36a hatte er einen Blick auf den Marienplatz. Eine herzliche Verbundenheit unterhielt er zu dem damaligen Pfarrer der Lambertikirche, Clemens August Graf von Galen. Seine vielen – über 600 – Exerzitien und Predigten und der vehemente Einsatz für den Christkönig brachten ihm weitere Ermittlungen durch die Staatspolizeistelle Münster ein. Anfang 1939 lautete der Vorwurf, der Pater habe den nationalsozialistischen Staat mit dem Kommunismus und dem Heidentum auf eine Stufe gestellt. Im März 1939 habe er gegen die Einführung der Gemeinschaftsschule gepredigt. Auch im Folgejahr wurde Anklage wegen Äußerungen gegen das Neuheidentum erhoben. Wie in allen Fällen zuvor wurde das Verfahren gegen ihn aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Am 27. Juni 1941 verhaftete die Gestapo Pater August Benninghaus in Münster. Er wurde in das Polizeigefängnis gesperrt. Die Formulierung des Schutzhaftbefehls folgte dem Muster: „Er ist ein typischer Vertreter des politischen Katholizismus, der es sich angelegen sein lässt, der Partei und dem Staat nach Kräften Schaden zuzufügen.“
Um die „Sicherheit seines Lebens“ zu garantieren, wie die Nazis formulierten, wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt. Der Pater, über 60 Jahre alt, war nun politischer Häftling.
Das „Empfangskomitee“ der SS-Leute im KZ stürzte sich auf den Pater und dessen Mithäftlinge. Mit Schlägen und Fußtritten traktiert, wurden sie mit Wasser begossen und mit Steinen beworfen. Unter Ohrfeigen wurden sie zur Aufnahme geleitet. Dort wurde Pater Benninghaus derart geprügelt, daß er stürzte und auf eine Tischkante aufschlug. Dabei zog er sich eine schwere Gehirnerschütterung zu, die sein Todesurteil bedeuten sollte.
Am 11. März 1942 wurde August Benninghaus in das KZ Dachau verlegt. Katholische Priester waren zusammengelegt im Sonderblock 26. Aufgrund seiner Verletzung aus Sachsenhausen konnte der großgewachsene Mann sich bei der Essensausgabe nicht durchsetzen. Infolge des ständigen Hungers verschlechterte sich sein körperlicher und geistiger Zustand weiter.
Die SS-Mannschaft hatte kein Mitleid mit ihm. Sie verhöhnte ihn sogar, indem sie ihm befahl „O Haupt voll Blut und Wunden“ zu singen. Auf seine Weigerung hin folgten Schläge und weitere Misshandlungen.
Im Juli kam der geschwächte Mann in das Lazarett. Nach vier Tagen Aufenthalt starb Pater August Benninghaus SJ am 20. Juli 1942 den Hungertod.

Im Jahre 2005 wurde seine Biographie und sein Leidensweg der Öffentlichkeit präsentiert. Seine ehemalige Gemeinde Ankum hatte schon eine Straße nach ihm benannt. Bei dem Vortrag über das Leben des Paters waren noch sechs Augen- und Ohrenzeugen anwesend, die mir den Gottesmann – meinen Ur-Großonkel – als zutiefst religiösen, tüchtigen und freundlichen Mann beschrieben. Sein Charisma wirkte noch bis in diese Erzählungen hinein.

August Benninghaus war das sechste von acht Kindern, die auf dem Hofe Benninghaus in Druchhorn aufwuchsen. Nach der Druchhorner Volksschule besuchte er die Höhere Bürgerschule Ankum. Sein Abitur legte er am Gymnasium Carolinum in Osnabrück ab. Am 26. April 1900 trat er in das Noviziat der Jesuiten in den Niederlanden ein, da der Orden der Gesellschaft Jesu (SJ) in Deutschland verboten war.
Bis 1907 studierte er Philosophie und Theologie in Valkenburg, ehe der Orden ihn als Lehrer nach Indien schickte. Danach beendete er seine Ausbildung bei den Jesuiten und wurde am 24. August 1913 in Köln zum Priester geweiht.
Während des Ersten Weltkrieges stellt sich der Pater freiwillig dem Heeresdienst und wurde als Divisionspfarrer nach Mazedonien geschickt.
Nach dem Krieg arbeitete der Pater als eifriger Exerzitienmeister unter anderem in Köln und Münster. P. Ferdinand Conrath SJ erlebte die Frömmigkeit seines Mitbruders als echt, kernig und überzeugend.
Zu seiner Familie hielt der Pater ständig Kontakt. Nach dem Ersten Weltkrieg vermittelte er viele Jungen aus Köln und Deutz zur Erholung nach Druchhorn. Um seine Aufgabe als Volksmissionar besser wahrnehmen zu können, besaß er ein Motorrad. Er benutze es aber auch, um von Münster nach Druchhorn zu fahren.

Die Verbundenheit des Paters zu seiner Heimat war groß. Umgekehrt zeigte sich am 70. Todestag im Juli 2012 ein reges Interesse seines Heimatortes an seinem Leben und Wirken. Im Artländer Dom, der Kirche in Ankum, erinnert eine Bronzeplatte an den Glaubenszeugen. Die ehemalige Oberschule Ankum hat sich in diesem Jahr nach ihm benannt. Drei Projekttage verwendeten die Schüler darauf, das Leben des tapferen Namenspatrons zu erforschen.

Der Wille der Nazis war, das Gedenken unmöglich zu machen, wie Schloß Hartheim beweist. Stillschweigen sollte über die Verbrechen bewahrt werden. Wenn das Gedenken erlischt, verfällt auch das Lernen aus der Vergangenheit. Diesem Erlöschen wird durch das Lebenszeugnis wie das des Paters August Benninghaus SJ entschieden widersprochen.

aus einem Vortrag vom 6.12.2012 in Münster