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Evi-Laura hat einen Schnipsel aus einem Papierbogen mit der Bastelschere ausgeschnitten. „Genial!“ ruft die Kindergartentante Elisabeth mit tremolierender Stimme. Britt (8) hat beim Vorspielen der Jugendmusikschule auf ihrer Geige „Alle meine Entchen“ gefiedelt. „Genial!“ schreit ihr Vater Dirk (28) über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Maximilian bringt sein erstes Wörterdiktat mit nur zwei Fehlern in den drei diktierten Wörtern stolz zu seinem Vater. „Genial!“ findet Erich und gibt Maximilian 5 Euro in die Hand. „Genial!“ lobt Yvonne den Aufsatz ihrer Tochter Maike (11), gründet den Heide-Verlag in Nordwalde und veröffentlicht das zweiseitige Erstlingswerk in erster Auflage zu 1000 Exemplaren. „Genial!“ brüllt Uwe seinen Sohn Michael an, als der im zweiten Anlauf mit 4,2 Durchschnittsnote sein Abiturzeugnis erhält und von seinen Eltern einen gebrauchten Siesta.

Kommt genial von Genius? Genius ist doch ein Geisterwesen in römischer Zeit gewesen, das jedem Mann innewohnte. Genius war der Erzeuger. Oder nehmen wir die Ableitung über Genie. Dann wäre eine geniale Person mit Schaffenskraft über dem Normalmaß ausgestattet, hätte übermäßige schöpferische Gaben, wäre ein herausragender Künstler oder Wissenschaftler, bei herausragenden körperlichen Anlagen gar ein Sportler des Ausnahmemaßes.

Wir leben entweder im Zeitalter der Genies oder im Zeitalter de wahnhaften Überheblichkeit. Da die Definition von Genie als über das Normalmaß hinausgehend angesehen werden muß, kann es sich bei dem neuen Sprachgebrauch von genial nur um Sprachschluderigkeit, Dummheit oder Wahn handeln.

Zuerst habe ich noch protestiert. Als Johannes B. in seiner Kochsendung das Bestreuseln von Salzkartoffeln mit Petersilie als genial bezeichnete, habe ich noch einen Protestbrief geschrieben, der unbeantwortet geblieben ist. Gestern warf ich dem stadtbekannten Bettler auf der Großen Straße 50 Cent in seinen Plastikbecher, was er – man denkt es sich schon – mit dem Aufschrei „Genial!“ quittierte. Früher hätte ich ihm nach dem Schrei das Geldstück wieder weggenommen. Gestern habe ich es ihm gelassen. Man wird gelassener. Auch im Umgang mit den genialen Ausbrüchen der Umgebung.

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27. März 2011 | Allgemein

Ein Kommentar wurde geschrieben

  1. Amalie sagt:

    Haha! Genial?! :D

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