Benedikt Benninghaus

Geschichtliche Entwicklung der Moraltheologie

Die katholische Sittenlehre wurde zu jeder Zeit verschieden verstanden. Um die heute gültige Moraltheologie zu verstehen, ist ein Blick auf ihre Geschichte, auf ihre Entstehung ratsam. Die Geschichte zeigt, dass die geistigen Schwerpunkte nicht immer die gleichen waren. Zu Beginn wurden nur Teilbereiche behandelte. Erst im letzten Jahrhundert wurde die Moraltheologie zu einem systematischen Ganzen.

Der Ausgangspunkt katholischer Moraltheologie ist die in der Bibel bezeugte Heilsgeschichte, die durch Jesus erfüllt worden ist und im Leben der Christen ihre Entfaltung findet. Die heilige Schrift stellt keine ethische Botschaft dar, sondern die Botschaft des Heils. Die Heilsgeschichte muss aber Auswirkungen auf das Tun der Menschen zeigen. Der Christ versucht demnach, Klarheit über die Konsequenzen seines Glaubens für sein Handeln zu bekommen.
Moraltheologie versteht sich als christliche Ethik, die sich verbindlich auf die neutestamentlichen Schriften stützt. Doch besteht das Problem darin, dass dort keine direkten ethischen Zielsetzungen definiert sind.
Nach der Konstantischen Wende (313) und der daraus folgenden Anerkennung des Christentums kam auch das Verlangen nach einem Regelwerk für das christliche Leben auf.
In der Patristik gab es von Origenes bis Gregor dem Großen zwar Ansätze unter Berücksichtigung antiker Philosophie ein Regelwerk zu schaffen, doch blieb es bei Aussagen über das Leben in Einzelfällen.
Diese kasuistische Verengung, also die Betrachtung von Einzelfällen, fand sich vor allem bei den iroschottischen Mönchen, die Bußbücher aufstellten, wenn man gegen die Konventsdisziplin verstieß.
Es entstand ein Regelwerk, das darauf bedacht war, jedes Fehlen mit Buße wieder gut zu machen. Durch Missionsreisen verbreitete sich diese Praxis. So wurde nicht das Tun des Einzelnen in Christi Nachfolge und das Halten des Liebesgebot bedacht, welches durchaus dynamisch zu verstehen ist, sondern ein Regelwerk aufgestellt, das sich in einer „statischen Sündendisziplin“1 manifestierte. Es wurde nicht reflektiert, sondern manifestiert, d.h. von einer Handlung wurde die Sündhaftigkeit, der Regelverstoß, festgestellt und festgehalten.
Mit Albertus Magnus und seinem Werk „Summe über das Gute und die Tugenden“ kam zum ersten Mal ein geschlossener moraltheologischer Entwurf zustande, bei dem es nicht wie zuvor auf Sünde und Buße, sondern auf die persönliche Entscheidung ankam.
Bei seinem Schüler Thomas von Aquin ist dies am deutlichsten zu sehen. Der Mensch ist durch die Gnade Gottes – durch Jesus Christus – von der Sünde befreit. Er ist in seinem Wesen irdisch begrenzt, kann aber dennoch, als Ebenbild Gottes, die grundsätzliche Wesenstruktur der Welt – das Naturrecht – durch seine Vernunft erkennen.
Seit der Erlösung ist der Mensch in der Lage, mit seinem Verstand nach besten Gewissen den Willen Gottes auszuführen. Der berühmte Satz: „Liebe und tue was du willst“ von Augustinus bildet dabei die Grundannahme. Dabei kann er auf die ethischen Erfahrungen der Vorfahren zurückgreifen und sie auf persönliche Lebensumstände anwenden.
Als oberste Referenz seiner Gewissensentscheidung dient eben diese gottgewollte Liebe und die von Jesus Christus gezeigte Gottes- und Nächstenliebe.2
Dieses geschlossene System aus Gewissen, persönlichen Erfahrungen mit Zunahme der früheren Generationen und der gottgewollten Mitmenschlichkeit setzte sich aber erst viele Jahrhunderte später durch.
Es waren ja immer noch die weit verbreiteten platonischen Lehren von einer unveränderlichen, auf Ideen gründenden obersten Wahrheit, die Vorrang in der Disziplin besaßen.
Die sittliche Ordnung bestimmten allein die sich durch den Willen Gottes geoffenbarten Gesetze.
Gefestigt wurde diese Vorstellung im Konzil von Trient. Nicht die neuerliche auf menschlicher Vernunft basierenden Reflexion eines Thomas von Aquin wurde hier zum Schwerpunkt gemacht, sondern die Kasuistik der alten Bußbücher – eine Sündenmoral.
An diesem System wurde nicht gezweifelt. Auch Neuzeit und Aufklärung brachten innerhalb der Kirche keine Veränderung an der Schulmoral.

Eine Veränderung brachte erst das II. Vatikanum, das bis heute die Moraltheologie entscheidend auf den heutigen Stand gebracht hat. Es war eigentlich eine Wiederentdeckung der Lehren des Thomas von Aquin.
Moraltheologie ist seitdem eine dynamische und persönliche Entscheidungslogik, wo im Vordergrund des Interesse der Glaube und die Einsicht stehen.
Um nicht in Beliebigkeit und Willkür auszuarten, müssen die Entscheidungen entsprechend der zur Schöpfungsordnung Gottes gehörenden Menschenrechte gefällt werden. Das heißt als verantwortliche persönliche Nachfolge Christi nach dem Liebesgebot.
„Entsprechend können dann die menschenrechtlich begründeten Normen keinesfalls als von außen auferlegter Zwang verstanden werden, sondern als menschlich sachgerechte Weisung zu gottgewollter gemeinschaftlicher Selbstverwirklichung.“3
Für die Begründung der Normen bedeutet dies, „daß sie je neu aus der geschichtlich immer wieder anderen Erfahrung aufgebaut und im Hinblick auf die sittlichen Zielsetzungen des Evangeliums […] geprüft werden müssen.“4
Das steht im Widerspruch zu der in der Philosophie dominierenden utilitaristischen Sicht oder der modernen „anything goes“-Strategie von Paul Feyerabend.

Trotz der Wandlung in dieser Disziplin ist die Reaktion auf das Wort „Moral“ immer noch folgende:
„Moral ist, wenn man so lebt, dass es gar keinen Spaß macht, so zu leben“, wie Edith Piaf meinte. Dagegen ist die Entscheidung der heutigen Konsumgesellschaft leichter nachzuvollziehen. Wenn davon ausgegangen wird, dass Moral allein aus Ge- und Verboten besteht und dem eigenen besten Gewissen dabei nichts zukommt, ist es verständlich, dass diese autoritäre Vorstellung abgelehnt wird. Die Ethik des Utilitarismus betont die rein diesseitige Interessen- und Triebbefriedigung. Also soll jeder Mensch nach seiner Fasson glücklich werden. Die Moraltheologie betont jedoch die Gewissensfreiheit. Selig kann der Mensch werden, indem er nach seinem Gewissen handelt, welches ihm von Gott gegeben ist und welches der Mensch auf ihn hin prüfen muss.

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1 Fruger, Einführung in die Moraltheologie, Darmstadt 1988, 6.
2 Ebd., 7.
3 Ebd., 3.
4 Ebd., 4.

Literatur:

  • Fruger, Franz: Einführung in die Moraltheologie, Darmstadt 1988
  • Geisen, Richard: Grundwissen Ethik, Stuttgart 1995