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Kommentare im internetären Kommunikationsverhalten erscheinen mir bisweilen als Kollektivsymbole eines Diskursverhaltens, das überwiegend ignorant gegenüber dem Diskussionsgegenstand ist und gleichzeitig den Menschheitstraum von der allgemeinen Teilhabe am Fortschritt verbal Wirklichkeit werden läßt.
Aufschlußreich ist die häufig benutzte Einleitungsfloskel der Kommentare, mit der festgestellt wird, daß man kein Experte sei und von der Sache, um die es gehe, nichts verstehe. Vom Standpunkt der Alltagsvernunft aus geurteilt wäre es mithin höchste Zeit, den Mund zu schließen und der Hand das Schreiben zu untersagen. Aber die Kommentierer finden mit Sicherheit etwas, wozu sie etwas anderes hinzufügen können. Oft wird die (sachlich ja nicht verstandene) Sprache beäugt und ein (objektiv nach den Regeln der klassischen Rhetorik falsch verstandener) Gesichtpunkt nach den Regeln des Gutdünkens und des Bauchgefühls besprochen. So spricht ein Nichtklimaexperte gerne darüber, daß er einen Aufsatz über die Erwärmung der Polkappen ganz entsetzlich finde, sprachlich gesehen, ja, daß der Autor sich schon durch sein Vokabular als Nazi entlarve. Bä, da lohne es nicht mehr, mit ihm zu reden oder auch nur sein widerliches Geschmiere zu lesen. Und schon sind wieder 120 Kommentarwörter in die staunende Internetwelt gesetzt. Worauf ihm heftig in ungefähr 160 weiteren Kommentaren beigepflichtet werden wird. Dabei reicht die sprachliche Ausdrucksfähigkeit von „Bo, ey, Mann, genau so isses.“ bis hin zu spaltenfüllenden Ausschweifungen, die von Polkappen zu Badekappen schweifend über den Gewässern wabern.
Für viele Zeitgenossen ist es ein erhebendes Gefühl, ihren Namen oder was sie als ihr Namenszeichen ansehen der Öffentlichkeit vorstellen zu können. Krönend wird diese Form der Publikationssucht, wenn man sich in die Nähe eines Internetbloggers begeben kann, der mehr als 1000 Leser pro Tag nachweisen kann. Da erhält das eigene nichtssagende Blabla durch die Veröffentlichung in der Kommentarspalte die Weihe eines Blogpapstes, da wird der ahnungslose Sprachprol zum Angehörigen des Zeitgeistthrones geadelt.

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26. März 2011 | Allgemein

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