Martin regelt sich hermetisch ab

8. April 2008

oder: Martin versteht das Internet nicht.

Es ist schon eine Weile her, seitdem Martin sein persönliches Erfolgsrezept herausbekommen hatte. Er bloggt nun seit einigen Monaten munter herum und ist mit sich und seiner Welt zufrieden. Nörgelt hier und dort mal an politischen Missständen herum, findet ein mehr oder weniger lustiges Bild und stellt es sofort auf sein Blog. Die Leser, die er hat freut es und Martin kann stolz auf seine 50 Kommentatoren blicken. So hatte er sich das nach unserem letzten Gespräch auch vorgestellt, sagt er zu mir, als ich ihn auf der re:publica traf. Er nippt an seiner Club Mate und erklärt mir weiter, dass diese Erfolgsblogger ja sowieso alle überheblich sind. Er möchte gar nicht so werden wie die und mag seine Leser. Auch in die Twitterwelt sei er eingetaucht und habe dort 40 Leute, die ihm folgen. Mehr brauche er gar nicht und könnte diese auch gar nicht managen.

Ich gehe nachdenklich nach oben in den großen Saal. Wollte er denn nicht ein großer Blogger werden? Redet er sich seinen Stillstand, den er im Internet verzeichnet nur ein, um zu akzeptieren, dass aus ihm nie ein großer Blogger wird. Als Blogger wollte er doch viele Menschen erreichen. Weshalb so eine Rechtfertigung? Für mich liegen die Gründe woanders. Er ist einfach zu schlecht. Sein Humor ist zu flach und seine Texte zu langweilig. Aber das will ich ihm nicht so ins Gesicht sagen. Er schwimmt gerade auf einer Welle des Erfolges. Zumindest aus seiner Sicht.



Der Vortrag lief schon einige Minuten, als Martin sich mit seinem Laptop neben mich setzte.

Sofort klappte er ihn auf und begann seine kleine Reise durch das Netz. Da der Vortrag nicht übermäßig spannend und mein eigener Laptop hunderte Kilometer weg war konnte ich ihm einige Minuten über die Schulter schauen.

Martin warf den Newsreader und Firefox an. Dazu noch einen Twitterclient. Zunächst schrieb er eben an seine Followers, dass er sich nun im großen Saal befände und dort dem Vortag lauschen würde.

Dann poppte der Reader auf und teilte ihm mit, dass er 32 ungelesene Nachrichten hätte. Mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit klickte er sich durch die Überschriften. Meine Augen klebten noch an der zweiten Headline fest, da hatte er schon die letzte als ungelesen markiert.

Ein Artikel öffnete er im Browser und zog das Bild eines komischen Hamsters auf seinen Blog, kommentierte es flott mit dem Spruch: „Hamster Mashup Galore“ und schon war es veröffentlicht.

Für normal agierende Menschen hätte dieses Bild nicht einmal ein müdes Lächeln hervorgerufen, aber Martin schien es zu gefallen.

Dann kam die spannendste Szene des Schauspiels. Der Höhepunkt. Im Browser wurden zehn Tabs geöffnet und ein paar Adressen eingehämmert. Dann las er nach und nach alle Seiten quer, grinste an einigen Stellen und schloss alles wieder. So ging das circa zehn Minuten und dann war der Spuk vorbei. Am Ende haute er noch ein Tweet raus, der mich in großes Staunen versetzte: „Im Internet gibt es nichts neues, ich lausche weiter dem Vortag.“

Im Internet gibt es nichts neues. Martins Internet beschränkt sich also auf stolze zehn Seiten, Twitter und ein paar mehr Blogs im Feedreader.

Er ist wie der Junge aus dem Nachbardorf, der mittlerweile ein alter Mann ist. Geboren, zur Schule gegangen, gelernt, gearbeitet und nun das Rentnerdasein genießen. Alles im selben Ort. Nur zu Ferienzeit war er mal weg. An der Ostsee. Mit der Schulklasse einmal sogar in Tschechien.

Für diesen Mann ist sein Dorf der Mittelpunkt der Welt. Es gibt alles was er braucht. Seine Kneipe, sein kleiner Fernseher und die eine Zeitung sind alles, was er zur Unterhaltung braucht.

Genauso erklärt es mir auch Martin: „Ich habe alles, was ich brauche. Studivz für meine Freunde. Den Feedreader für meine Internetbekanntschaften und noch ein paar Seiten für so allgemeine Informationen.“

Das ist also das Internet für Martin. Er hat sich in eine Ecke zurückgezogen und weigert sich dort herauszukommen. Ihm gefällt es dort. Für ihn ist das Internet nach den zehn geschlossenen Tabs vorbei. Manchmal macht er Urlaub, wenn er auf einen Link klickt. Aber das ist neu und unbekannt. Dort zieht er sich lieber schnell wieder zurück.

So also funktioniert das Internet.


4 Kommentare zu ‘Martin regelt sich hermetisch ab’

  1. juliaL49 sagte am 9. April 2008 um 17:03 Uhr:

    Auch wenn der Martin wahrscheinlich mehr oder weniger fiktiv ist, denke ich doch, dass es solche Menschen gibt. Die reagieren aus Angst vor Überforderung so. Mach ich auch manchmal, dass ich z.B. einen Artikel über “die 25 tollsten neuesten web 2.0-Applikationen (im Betastadium) im Bereich XY” nicht lese und lieber auf Altbewährtes/den Platzhirsch (= StudiVZ + Twitter im Fall Martins) zurückgreife.

    PS: Hat länger gedauert mit dem Kommentar, aber ich wollte den Beitrag unbedingt mit voller Aufmerksamkeit lesen :-)

  2. Uli sagte am 11. April 2008 um 06:52 Uhr:

    Kam Martin aus Lüsche?

    Naja ich denke, dass es vielen Menschen so geht, vll. das sie ein wenig googeln, aber das wars dann auch.

    Wobei ich mich gerade frage, ob ich überhaupt mehr als Martin mache? ^^

  3. Benedikt sagte am 11. April 2008 um 10:19 Uhr:

    “Kam Martin aus Lüsche?”

    hihihi

    Er hat sich ein Lüscherweb aufgebaut.

  4. Ben sagte am 20. April 2008 um 00:53 Uhr:

    Wer nicht irgendwann “Im Internet gibt es nichts neues.” sagen kann und dann den Laptop zuklappt, hat entweder zuviel Zeit oder eine Abhängigkeit entwickelt.

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