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Obszön ist etwas Ekelhaftes, etwas Schmutziges, Häßliches, Anstößiges. Etwas, was (dem Wortsinn nach) dem Essen zuwider ist, der wohligen Nahrungsaufnahme entgegengesetzt ist, was nicht aufnahmefähig ist, was, kurz gesagt, zum Kotzen ist. Um nun wirklich obszön zu sein, nicht nur widerlich, muß nicht nur Ekel ausgelöst worden sein. Was obszön ist, muß nicht nur als schamverletzend empfunden werden. Obszön bedeutet, daß gegen eine Wertordnung verstoßen wurde, daß anerkannte Wertvorstellungen verletzt worden sind, daß Kultur konstituierende Werte eines Sozialsystems nicht akzeptiert worden sind.
Während in Japan jedes Toilettengeräusch als obszön gilt und deshalb durch laute Spülgeräusche zu überdecken ist, sind im Westen die Vorstellungen über Obszönes im freien Fluß. Hier gähnt man in aller Öffentlichkeit, bohrt in der Nase, führt die Ganzkörpertätowierung im Freibad vor, rülpst man nach einem Schluck Sprudelwasser quer durch das Cafe, übergießt man seinen nackten Körper mit Schlachtblut in einer Galerie, kopuliert man auf der Stadttheaterbühne und im Englischen Garten, telefoniert man lauthals mit einem mobilen Fernsprecher während des Films „Die große Stille“, fährt man als Sextourist nach Fernost.
Vielleicht sollten wir uns darüber verständigen, was wir für obszön halten. Oder halten wir gar nichts mehr für zum Kotzen? Löst nichts mehr ein Ekelempfinden aus? Dann kann auch niemand mehr einen Tabubruch begehen. Dann kann niemand das Empfinden der anderen verletzen. Wären wir tatsächlich in einer Epoche angekommen, in der nichts obszön ist?

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13. April 2011 | Allgemein

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