Stimmen

19. Dezember 2007

Ich höre Stimmen. Jeden Tag. Zur Beruhigung darf ich schon erwähnen, dass ich nicht an einer akuten Schizophrenie leide, in der Außerirdischen mir etwas mitteilen wollen und ich das Bindeglied zwischen ihnen und unserer Zivilisation bin.

Nein, das Phänomen der Stimmen ist für mich weitaus interessanter nur ist es so alltäglich, dass man ihm keine Beachtung mehr schenkt.

Bei der Arbeit prasseln täglich fast 100 verschiedene Stimmen auf mein Gehör ein. Die meisten sind Kinderstimmen. Wenig ausgeprägt aber oft schrill und laut, weil die Phase des Stimmbruchs noch nicht erreicht worden ist. Trotzdem ist jede anders.

Die Stimmen meiner Mitarbeiter sind ausgebildet. Sie sind fertig und ändern sich bis zum Lebensende nicht mehr allzu sehr.

Anhand der Stimme erkennt man den Menschen der hinter einem etwas spricht ohne ihn zu sehen. Jede Stimme hat etwas eigenes, persönliches.

Jedoch ist es der Klang einer Stimme, der mich schon mehrmals hat darüber nachdenken lassen.

Drei Arten von Stimmen sind es, die ich hauptsächlich vernehme. Diese unterscheiden sich dann weiter, wie bei einem Baumdiagramm.

Es gibt schräge, disharmonische Stimmen, denen man nicht lange zuhören kann. Entweder ist es die Tonlage, die zu hoch oder eindeutig zu tief für die jeweilige Person ist, oder ein mitschwingendes, nervtötendes Geräusch. Ein unangenehmes Krächzen. Eine schriller Beiton, bei dem man sich wünscht, dass diese Person einfach nur ist und schweigt. Ein Quietschen, ein Piepsen, wie bei einem Vogel und man wünscht sich, dass sich der Stimmbesitzer alsbald zu einer Stimmbandoperation entschließt.

Dann gibt es die normale, die Durchschnittsstimme. Nichts besonderes, nichts nerviges. Man kann sich mit der Person gut unterhalten, ohne das man Gefahr läuft einen bleibenden Tinnitus davon zu tragen. Trotzdem unterscheiden sich normale Stimmen auch untereinander. Mal tiefer, mal höher. Mal lauter, mal leiser. Meist passt die Stimme zu dem Menschen, oder der Mensch zur Stimme. Ein beleibter Mann darf einfach keine hohe Stimme haben. Sein Organ muss einfach dem eines Bären gleichen, oder er fällt schnell aus dem Schema heraus.

Die letzte, der drei Hauptgruppen ist die seltenste. Die schönen, angenehmen, betörenden Stimmen denen man sich gänzlich hingeben kann und stundenlang anhören kann. Wer mit einer solchen Stimme gesegnet ist darf sich glücklich schätzen. Aber auch hier gibt es kleine aber feine Unterschiede. Vor allem, was die Konzentration bei mir während des Gespräches betrifft.

Es gibt die klangvolle, ruhige Stimme die zum Zuhören und gebanntem Lauschen animiert. Es ist eine perfekte Stimme für Lehrer, Professoren und all diejenigen denen man stunden-, tage-, jahrlang zuhören muss. Es ist eine fesselnde Stimme, die dem Lauscher ein wohliges Gefühl vermittelt. Leider gibt es gerade in dieser Sparte nicht viele, die mit einer solchen Stimme ausgezeichnet sind. Der andere Ast des Klangbaumes bei dieser Gruppe ist die Stimme die man gerne hört. Bei der man dösen, einschlafen oder entspannt lauschen kann. Diese Stimme ist aus verständlichen Gründen weniger etwas für Lehrer, wobei sie eine wunderbare Entschuldigung bieten könnte.

Es kommt natürlich darauf an, wie die Stimme eingesetzt ist. Bei Erregung kann auch die schönste Stimme grell und unfriedlich wirken. Diesen Gemütszustand sollte man den ohnehin schon nervigen Stimmen überlassen.

Leider kommt die zuletzt genannte Gruppe zu wenig in dem alltäglichen Bereich vor.

Mein alter Mathematiklehrer hatte eine solche Stimme. Auch wenn ich häufig nicht viel von dem verstand, was der alte, weise Pauker dort auszudrücken versuchte, konnte ich ihm doch jede 45 Minuten gebannt lauschen, ohne das Bedürfnis zu spüren ihn mit meinen Meldungen zu unterbrechen. Eine weitere interessante Entdeckung konnte man dort machen. Es war leise. Zwar war der Lehrer eine ausgesprochene Authorität, aber nicht weil er mit harten Maßnahmen durchgriff, oder schnell laut wurde. Nein, ich glaube es geht den meisten Menschen so wie mir. Unbewusst genießt man diese Stimmen.

Die perfekte Stimme paart sich oft mit Sprachkünstlern. Der angenehme Ton wird nicht von idiotischen Füllwörtern, “ääs” und “äääähms” unterbrochen. Die fließt dahin, wie ein ruhiger Bach. Ein Plätschern in das man sich verlieren kann.

¬ geschrieben von Benedikt in Gedanken

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