Als ich heute über den Marktplatz schlenderte sagte der Currywurstfachverkäufer, dass heute ein wirklich stressiger Tag sei. Da nur ein Kunde vor seiner kleinen Bude stand wunderte ich mich etwas über diese Aussage, weil Herr Stress gar nicht anwesend war.

Meine Tour ging weiter und ich lies mich in einem Café nieder, um einen Karamellcappuccino zu mir zu nehmen. Am Nachbartisch hatten sich zwei Studentinnen breit gemacht und arbeiteten an ihren Manuskripten. Eigentlich war es sehr ruhig und ich konnte den Sonnenschein in vollen Zügen genießen, bis plötzlich eine von den Beiden rief: “Ach, dieses Studium ist so scheiß stressig und gleich schon wieder so’ne lahme Vorlesung.“ Zunächst wunderte ich mich etwas über die Wortwahl dieses hübschen Menschenkindes, aber gleich kam der Gedanke an den Currywurstbudenfachverkäufer wieder in mir auf. Zwei voneinander unabhängig lebende Menschen in völlig unterschiedlichen Positionen klagten über Stress in ihrem Tun!

Was bedeutet denn Stress, frage ich mich. Wenn einem etwas zu viel wird, klagen die meisten über Stress. Viele Arbeitsaufträge zur gleichen Zeit und der Angestellte klagt unter zu viel Stress bei der Arbeit. Stressig ist auch, wenn man mehrere Termine in seiner Freizeit wahrnehmen muss. Es ist egal, ob man sich diese gestressten Menschen am Vormittag bei der Arbeit oder am Abend ansieht. Sie klagen unter Stress, wenn ihrer Meinung nach nicht mehr alles locker seinen Gang gehen kann. Ist dies nicht der Fall klagen sie dann wiederum über Langeweile und Eintöne im Leben, aber das ist in anderes Thema. Das ist wohl ein Paradoxon, welches unglaubliche viele Menschen befällt, die irgendeiner geregelten Tätigkeit nachgehen. Wobei dieses, und dieser Einschub sei verziehen, gar nicht schwer aufzuklären ist, indem man eine gewagte These aufstellt: „Der Mensch beklagt sich einfach gerne.“.

Was ich mich gefragt habe ist, warum Menschen in solchen Situationen ihre eigene als stressig bezeichnen.

Es ist doch die Arbeit des Kochs viele verschiedene Gerichte auf einmal zu kochen. Er hat gelernt die Arbeiten zu koordinieren und auf seine Gehilfen zu verteilen. Es liegt zwar in seiner Verantwortung, viele Dinge auf einmal zu bearbeiten und das Essen zügig zum Gast zu bringen, aber hat er es denn im Laufe seiner Ausbildung nicht gelernt? Studenten wissen doch vorher, dass das Lernen an der Universität mit einem großen Arbeitsaufwand verbunden ist und sie nicht nur Party machen können. Lektüren studieren, Hausarbeiten schreiben und für die Klausuren lernen. Für die alles haben sie sich, genau wie der Koch, vorher entschieden.

Sie führen ihre Tätigkeit aus, weil sie ihnen Spaß macht, weil sie davon leben, oder weil es sie interessiert. Es ist also ihre alltägliche Aufgabe unter den gegebenen Bedingungen zu arbeiten. Wieso empfinden sie die Arbeitsaufträge, die sie während dieser Zeit bekommen dann aber als Stress, oder als zu stressig?

Es ist zu einem Modewort mutiert. Alles was nur etwas mehr Arbeitsaufwand benötigt gilt als Stress.

Bleibt die Frage bestehen, wieso es jeder achtlos und bei der kleinsten Gelegenheit benutzt. Jemand muss einmal damit angefangen haben. Könnte sein, dass es ein Übertragungsfehler aus der englischen Sprache ist. In Amerika sprechen die Menschen häufig von „stress“. Dies Nachzuschlagen wäre mir aber momentan wohl einfach zu stressig.

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12. September 2010 | Gedanken

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