Als Martin wieder vor dem PC saß und Bilder toller Künstler suchte, weil er mit den 250 neuen Beiträgen seiner abonnierten Blogs schon fertig war, kam gewisser Wehmut auf.

“Wieso können alle etwas schreiben, malen oder vor sich hin brabbeln? Nur ich habe nie Ideen, bin immer festgefahren in meinen Gedanken -sofern ich denn mal welche habe- und kann den schönen, so aufwendig gestalteten Blog, nicht füllen?”, fragte er sich.

Nun kann ich als auktorialer Erzähler beiläufig erwähnen, dass 249 dieser 250 Blogeinträge Unsinn, Schwachsinn oder Irrsinn war, doch Martin will unbedingt einen Artikel verfassen.

“Eine private Story kommt doch immer gut an”, denkt er sich und geht hinaus, um sich inspirieren zu lassen.

Ideenlos sucht er verschiedene belebte Orte ab, an denen sich ein lustiges oder tragisches Schauspiel zutragen könnte. Nachdem der Supermarkt nichts, außer einer Oma die die geforderten 20€ in 10-Cent Stücken bezahlt hatte, für seine Inspiriration beitragen konnte ging er durch den Park. Aber bei diesem regnerischen Wetter werden auch die Photos nicht gut und er schlendert enttäuscht weiter.

“Sport!”, denkt er sich. “Da ist doch immer was los.” Also rennt er zur Sporthalle seines Dorfes, um die Lage zu checken. “Mensch, klasse! Ist ja viel los hier.”, spricht er sich leise, in einem leicht ironischen Ton zu.

Und in der Tat. Außer einer Gruppe von fünf Leuten herrscht eine gähnende Leere in der Halle.

Er will schon wieder gehen, wo einer der Jungen plötzlich ruft: “Überhaupt nicht! WordPress rult” “WordPress? Rult?”, wiederholt Martin erfreut. “Blogger. Hier. In meinem Dorf.” Martin rast auf die Fünf zu und stellt sich vor. Macht direkt Werbung für seinen Blog. Vielleicht hat ihn ja schon mal einer gelesen. Nein. Niemand. Aber das macht unserem Helden auch nichts. Er hat Leute gefunden mit denen er reden kann. ÃœÜber die ganzen technischen Dinge, die er seiner Mutter zwar immer zu erklären versucht, sie jedoch jedes Mal nach zehn Minuten mit den Worten: “Ich schreibe lieber Tagebuch”, abwinkt. Die Gruppe bittet ihn seine Erfahrungen mit diversen Plugins, seine HTML-Kenntnisse und sein grafisches Talent darzulegen. Martin tut dies gern.



“Trefft ihr euch öfter?”, fragt Martin die Anderen. Wieder darf ich als Erzähler beiläufig erwähnen, dass Martin durch seine lange Zeit am PC und die noch längere Zeit, die er damit verbringt sich irgendwelche Texte auszudenken, viele seiner Freunde verloren hat und fast nur noch für das Internet lebt. Manchmal isst er noch mit seinen Eltern. Sonst sieht er sie kaum. Kontakt mit den letzten verbliebenen Freunden hat er meist über ein Chatprogramm. “Ich muss noch was für meinen Blog machen.” “Die Statistik muss noch ausgewertet werden” “Ne. Sry. Hab noch viel zu lesen.”

Dies sind seine beliebtesten Ausreden, um nicht vom PC weggerissen zu werden.

Jetzt aber hat Martin Hoffnung. Fünf Jungen mit denselben Interessen wie er. Dies könnten doch gute Freunde werden. “Bestimmt kann mir auch einer von ihnen Tipps wegen meiner Ideenlosigkeit geben”, denkt er sich und fragt es sofort in die Runde.

Es erschreckt ihn ein wenig, was er dann zu hören bekommt. Jeder von ihnen schreibt über bestimmte Themen. “Das ist mein Hobbie. Die Bundesliga. Ich schreibe über Teams, Spieltage und Neuigkeiten fernab vom Spielfeld. Da gibt es genug zu schreiben. Manchmal komme ich kaum hinterher”, sagt ihm einer der Jungs. “Ich bin gerade mit meinem Germanistik Studium angefangen und schreibe jeden Tag über meine Erfahrungen. Kommilitonen von mir kommentieren dies und regen mich zu immer neuen Beiträgen, über Mensapläne, das Essen, die Profs und so an”, antwortet ein Anderer.

Das Gespräch verläuft so weiter. Die drei anderen Blogger erzählen Martin von ihrem Zitatblog, Rockerblog und Werbeblog.

Als Tipp geben sie ihm am Ende des Gespräches mit auf den Weg: “Schreibe nur über das was dir gefällt. Nicht was viele interessiert. Leser gibt es für alles genug. Du kannst dich von allen Seiten inspirieren lassen. Selbst die Spinne auf dem Klo kann Anlass für einen langen Blogeintrag sein.” “Gewusst wie”, ruft ihm der Bundesligablogger noch hinterher, als Martin die Sporthalle verlässt.

Auf dem Weg nach Hause denkt er über sein Blog nach. Ob es wirklich richtig ist ein Blog zu führen, oder ob er es lieber denen überlassen soll, die wirklich schreiben können. Sich verbal so auszudrücken vermögen, dass andere ihre Texte gerne lesen. Martin hat auf seinem Blog schon vieles probiert. Er ist alle A-Blogger abgegangen und hat heraus gesucht, welche Themen die Massen am meisten interessieren. Was am meisten Traffic bringt.

Doch schafft er es nicht lange über diese Bereiche zu schreiben. Ihm fehlt entweder das Fachwissen, oder die nötige Fähigkeit.

Enttäuscht stellt Martin seinen PC an. Er ruft seinen Blog auf, wo immer noch kein einziger Kommentar zu seinem neuesten Artikel geschrieben wurde.

“Schreibe ich diesen Tag mal auf”, denkt sich Martin. Er fängt an zu tippen. Tippt viel. Tippt schnell. Er schreibt den bisher längsten und persönlichsten Eintrag seines Blogs mit dem Titel: “Es hilft doch alles nichts”. Es ist sein Abschiedsbeitrag zur Blogsphäre.

CC: Photo von Jackie TL

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5. September 2010 | Gedanken

2 Kommentare wurden geschrieben

  1. juliaL49 sagt:

    Ja, das ist schon so eine Sache mit den Besuchern und den Themen :-) Aber ich hoffe/denke, dass jeder der irgendwann die Kurve kriegt zu der Erkenntnis kommt, dass Statistiken nicht alles sind und man über das schreiben sollte, was einem am Herzen liegt, Erfolg haben wird.

    Wobei Erfolg wiederum verschieden interpretierbar ist…

  2. Benedikt sagt:

    Der Martin hat schon eine neue Idee, so wie ich das hier von meiner Vogelperspektive sehen kann. So leicht lässt er sich ja auch nicht unterkriegen.

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